| Leseprobe: | Unruhig lief Frank Clarson die nächsten Minuten in seinem Hotelzimmer
auf und ab, zappte durch die Kanäle des Fernsehers, der auf einem
Metallgestell an der Wand hing, ging zum x-ten Mal auf die Toilette,
nahm die Krawatte ab und fasste dann einen Entschluss. Verdammt, dachte
er sich, es ist viel zu früh, um schlafen zu gehen. Er band seine
Krawatte wieder um, zog das Jacket über und beschloss, bei Stella zu
klopfen und sie zu fragen, ob sie nicht mit ihm etwas in der Hotelbar
trinken gehen würde. Er konnte sich beim besten Willen nicht
vorstellen, dass sie bereits schlafen gegangen war, da sie nicht im
geringsten müde ausgesehen hatte. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht
los, sie hatte nur nach einem Vorwand gesucht, sich zurückzuziehen und
er wollte herausfinden, was der Grund dafür war.
Der Hotelflur vor seinem Zimmer war vereinsamt, nur das Mädchen vom
Zimmerservice kam ihm freundlich grüßend entgegen. Zögernd stand
Clarson vor dem übernächsten Zimmer und horchte auf Geräusche von
innen, aber nichts drang durch die dickwandige Tür nach draußen auf den
Flur. Schließlich klopfte er dreimal kräftig, aber niemand antwortete.
Er wusste selbst nicht, was ihn so sicher machte, dass Stella das
Zimmer nicht verlassen hatte und auch noch nicht schlafen würde. Eine
innere Unruhe breitete sich aus, die ihn davon abhielt, wieder zu
gehen. Das Zimmermädchen kam den Gang zurück.
„Entschuldigen Sie bitte, könnten Sie mir aufsperren? Ich habe wohl meinen Schlüssel drinnen liegen gelassen.“
Das Mädchen sah ihn unschlüssig an. „Eigentlich darf ich das nicht – wollen Sie nicht lieber hinunter an die Rezeption gehen?“
Clarson setzte sein überzeugendstes Lächeln auf und holte einen Schein
aus seinem Portemonnaie. „Ja, sicherlich könnte ich das. Aber wenn Sie
gerade mal hier sind?“ Verlegen steckte das Mädchen das Geld ein und
schloss ihm die Tür auf. Dann entfernte es sich so schnell wie möglich
den Gang hinunter. Die dicken Teppiche dämpften seinen Schritt.
Clarson wartete, bis er sie nicht mehr sah, schob dann die Tür auf,
schaute ins Zimmer hinein, trat ganz ein und schloss die Tür hinter
sich. „Hallo? Hallo Frau Morou, sind Sie hier?“ Langsam verließ er den
schmalen Eingangsbereich zwischen Garderobe und Badezimmer und ging
weiter hinein. „Frau Morou? Stella?“
Links und rechts des Betts brannten die beiden Wandleuchten, kitschige
Glasschirmchen in Blütenform. Zweckmäßig mit einem Doppelbett, um es
wahlweise als Einzel- oder Doppelzimmer nutzen zu können, einem kleinen
Tisch und zwei Sesseln ausgestattet, einem Fernseher auf einer Konsole
an der Wand, sah das Hotelzimmer im Grunde genommen nicht anders aus
als seines. Wenn sich da nicht mitten zwischen Bett und Wand eine
massive Bronzetür in einem steinernen Türrahmen aus hellem Marmor
befunden und den Weg zum Fenster versperrt hätte.
Der Türrahmen war so überdimensioniert, dass er bis zur Decke reichte,
er wäre einer Halle oder Kirche würdig gewesen. Verblüfft starrte
Clarson ihn an und streckte vorsichtig die Hand aus, um die Steine zu
berühren. Sie fühlten sich hart und kühl an, waren glatt und massiv,
keine Halluzination. Clarson murmelte, mit sich selbst redend, vor sich
hin, „Was hat das hier zu bedeuten? So etwas gibt’s doch gar nicht,
oder?“ Aber das hier war real!
Er ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Stellas Koffer lag
geöffnet auf der rechten Hälfte des Doppelbettes. Sie hatte einige
Kleidungsstücke herausgenommen und neben den Koffer gelegt, alles sah
sehr ordentlich zusammengelegt aus. Obwohl er sich inzwischen sicher
war, sie dort nicht anzutreffen, klopfte Clarson an die Badezimmertür
und als niemand reagierte, öffnete er sie. Aber außer Stellas
Waschbeutel deutete auch hier nichts auf sie hin.
Erneut trat Clarson vor die riesige Tür und studierte die
Bronzereliefs. Inmitten einer Landschaft war ein Ort dargestellt,
umgeben von Wiesen, Feldern und Wald. Die Darstellung hatte eigentlich
nichts Ungewöhnliches, sie sah aus wie die reliefartige Umsetzung eines
sehr alten Gemäldes. Es waren mit Ziegeln oder Holzschindeln gedeckte
Dächer zu erkennen, vornehmlich zweistöckige Häuser, schmale Straßen
ohne Autos, Menschen in langen altmodischen Gewändern. Demnach konnte
es sich um eine Darstellung aus dem Mittelalter handeln.
Irgendetwas allerdings war anders als auf Gemälden aus dieser Zeit,
irgendetwas fehlte darauf. Clarson trat einen Schritt zurück, um den
nötigen Abstand zu gewinnen und kratzte sich nachdenklich mit den
Fingern am Kinn. Er dachte laut nach. „Ein Ort umgeben von Natur. Ein
merkwürdiges Schloss im Hintergrund. Da ist wohl jemandem die Fantasie
durchgegangen. Na, egal. Das Zentrum des Ortes ist zu erkennen, dort
sind die Gebäude größer und prächtiger …“ Dann fiel es ihm schlagartig
auf, was falsch war: Der Ort hatte keine Kirche. Das konnte nicht wahr
sein, das war unüblich! Jeder noch so kleine Ort besaß als Zentrum eine
Kirche, selbst das unbedeutendste Kuhdorf konnte wenigstens eine
Kapelle sein eigen nennen! Stattdessen befand sich am Ortsrand dieses
ziemlich merkwürdige Schloss, umgeben von offenen Wiesen, aber keinem
künstlich angelegten Prachtgarten. Nur ein schmaler Kanal führte durch
den Ort und geradlinig auf das Schloss zu. Dessen Fassade war nicht
allzu lang, dafür ragte es mehrere Stockwerke hoch in den Himmel und
wirkte mit vielen Balkonen und Erkern ungewöhnlich verwinkelt.
Aber es war mehr, was nicht stimmte, irgendetwas befand sich im Bild,
das nicht in dieses Flair vergangener Jahrhunderte passte. Clarsons
Augen wanderten weiter über die Abbildung. Der Ort befand sich inmitten
von hohen, dicht bewaldeten, bizarren Kegelbergen, ein breiter Fluss am
linken Ortsrand war zu erkennen und – Windkrafträder! Moderne,
zweiflügelige Rotoren auf hohen Pfeilern in einem engen Tal hinter der
ersten Reihe der Kegelberge! Er runzelte die Stirn. Eigenartig, wie
passte das alles zusammen?
Buchstaben einer vermutlich alten, ihm aber auf jeden Fall nicht
geläufigen Schrift formten einen längeren Text rechts neben der
Abbildung. Darüber war ein herrschaftlich anmutendes Wappen abgebildet,
mit einer Krone und einem länglichen Stab mit kugelförmigem Ende,
vielleicht ein Zeichen königlicher Würde.
Obwohl Clarson verwirrt war und sich noch nicht zusammenzureimen wagte,
was das alles zu bedeuten hatte, fasste er instinktiv nach dem Griff
der Bronzetür, um sie zu öffnen. Das Gewicht der Tür stemmte sich
seinem Zug entgegen, er musste seine gesamte Kraft aufwenden und den
Griff fest umklammern, um beim Aufziehen nicht die Kontrolle zu
verlieren. Eine undurch¬dringliche Finsternis tat sich vor ihm auf.
Erschrocken ließ Clarson den Griff los und die Tür fiel wieder von
alleine ins Schloss. Das war doch nicht möglich, woher kam die
Finsternis? Wieso sah er nicht das Zimmer auf der anderen Seite hinter
der Tür? Der Türrahmen müsste bei geöffneter Tür doch leer sein? Das
alles, die Zimmerbeleuchtung, Stellas fehlende Anwesenheit ließen nur
den einen Schluss zu, dass sie durch diese eigenartige Tür fort
gegangen sein musste.
Clarson kniff sich in die Backe, aber der Schmerz war eindeutig, er
träumte nicht. Nochmals öffnete er die Tür und starrte sekundenlang in
die Dunkelheit. Langsam streckte er seine Hand aus und meinte, einen
leichten Luftzug zu spüren. Kurz entschlossen trat er durch die Tür in
die Finsternis hinaus und plötzlich zerrte ein heftiger Wind an ihm und
riss ihn fast von den Füßen. Wie von einer unsichtbaren Macht wurde
sein Brustkorb zusammengedrückt und er bekam keine Luft mehr. Der Wind
zog an seinen Kleidern, seine Haare wurden verwirbelt und Clarson
verlor die Kontrolle, er hatte das Gefühl um die eigene Achse gedreht
zu werden. Instinktiv ruderte er mit den Armen um sich, suchte tastend
nach der Türklinke, erreichte sie zu seinem Glück, und zog, verzweifelt
nach Atem ringend, die Tür hinter sich zu. Im selben Augenblick brach
der Wind ruckartig ab und die Finsternis wich dem Blick auf die
Steinruine eines alten Gebäudes, vielleicht eines Tempels, der vom
Mondschein in ein unwirkliches Licht und harte Schatten getaucht wurde.
Ächzend stand Clarson mitten in einer Art großem Saal, umgeben von
Säulen, die einstmals das Dach getragen hatten. Hinter ihm befand sich
die Bronzetür im marmornen Türrahmen, so wie er ihn in Stellas
Hotelzimmer vorgefunden hatte, nur stand er hier nicht frei im Raum,
sondern war in eine lange Mauer integriert.
Der Boden aus rechteckigen Steinplatten war übersät von herab
gefallenen Bruchstücken aus Mauern und Decke. Stellenweise waren noch
Reste von weißem Putz und feinem Stuck zu erkennen. Die lückenhafte
Außenfassade öffnete sich zu einer bewaldeten Landschaft, als sei diese
Säulenhalle einst zerstört und verlassen worden, und die Natur hätte
sich die Umgebung zurückerobert. Niedriges Gestrüpp und Unkraut reichte
bis an die Mauerreste heran.
Clarson ging auf den wenigen unversehrten Treppenstufen des früheren
Eingangsbereichs aus der Ruine hinaus und sah sich prüfend nach allen
Richtungen um. Es war niemand zu sehen, auch nicht zu erkennen, ob
überhaupt gelegentlich jemand hierher kam. Schließlich folgte er dem
Weg, der vor ihm lag, gesäumt von alten knorrigen Olivenbäumen, die
teils belaubt, teils abgestorben waren, und sich mit Pinien und
Korkeichen abwechselten.
Der sandige Weg führte in leichten Serpentinen gewunden allmählich
bergab, Clarson musste acht geben, nicht über größere Steine zu
stolpern, die mitten im Weg lagen. Eine dichte Wolkendecke verbarg den
Himmel und es war so dunkel, dass Clarson den Weg mehr ahnte als sah.
Um nicht zu stürzen durchwühlte er seine Hosentasche nach dem
Schlüsselbund und tastete nach dem Anhänger mit dem LED-Spotlight.
Ein schriller Schrei gellte aus weiter Ferne durch die Dunkelheit.
Clarson lief es wie eine eiskalte Dusche den Rücken herunter. Seine
Beine waren wie gelähmt und verweigerten vorübergehend den Dienst zum
Weitergehen. Dieser Schrei ging ihm durch und durch. Eine Gänsehaut
überzog ihn am ganzen Körper. Er war beleibe kein Angsthase, aber
dieser Ort wurde ihm auf eine ihm bis dahin unbekannte Weise unheimlich
und er fragte sich für einen Moment, was er hier überhaupt verloren
hatte.
Dem ersten Schrei folgte ein zweiter, der nicht weniger durchdringend
war. Clarsons Verstand weigerte sich zu glauben, dass dieser Schrei zu
einer Stimme gehörte, die er kannte. Was für ein schrecklicher Ort, er
hätte nicht herkommen sollen. Aber vielleicht war das nicht die
Wirklichkeit, befand er sich in einem äußerst real wirkenden Alptraum?
Mehrfach murmelte er vor sich hin, „Wach auf, Frank! Du träumst nur!
Wach doch endlich auf!“ Aber verdammt, er wusste genau, dass er nicht
träumte. Er war durch eine unwirklich erscheinende Tür, die nicht in
ein Hotelzimmer gehörte, in eine noch viel unwirklicher erscheinende
fremde Welt vorgedrungen.
Verzweifelt bettelnde Stimmen folgten dem Aufschrei und baten laut
rufend für jemanden um Gnade, die aber offenbar verweigert wurde, denn
erneut durchdrang ein Schrei die Nacht, zwar nicht mehr ganz so laut,
es klang eher, als ob jemand verzweifelt versuchte, seinen Aufschrei zu
unterdrücken, ohne dass es völlig gelang.
Das flehentliche Betteln um Verschonung hob erneut an, gefolgt von
einem grölenden, gehässigen Gelächter, dessen abartiges Echo gegen die
Finsternis wie gegen eine Wand prallte und verstärkt von der klaren
Nachtluft zu Clarson weiter getragen wurde.
Er lief hastig weiter, war trotz des vor ihm auf dem Weg tanzenden
bläulichen Spots unachtsam und stolperte ein wenig auf dem unebenen
Weg, versuchte das einsetzende Seitenstechen zu ignorieren und lockerte
den Knoten seiner Krawatte. Nach einiger Zeit blieb er atemlos stehen,
um sich umzusehen, schwenkte die Hand mit dem Spotlight herum, das nur
einen schmalen Lichtstrahl aussandte. Wiederum durchdrang ein
qualvoller Schrei die Nacht. Der Weg führte weiter leicht abwärts, wand
sich um Felsbrocken und dicke Wurzeln. Ein paar Nebelschleier
verwischten die Konturen der Umgebung. Fröstelnd hielt Clarson sich
seine Jacke zu. Es konnte nicht mehr weit sein, die Stimmen waren immer
deutlicher zu verstehen.
Die Wolkenformationen rissen langsam auf und gaben zu seiner
Überraschung nicht nur einen, sondern vier Monde frei. Drei davon
standen aus seiner Sicht nahe beieinander und strahlten ein bläuliches,
fast weißes Licht ab. Ähnlich dem Mond den er aus seiner Welt kannte,
zeigten ihre Oberflächen dunkle Kraterflecken. Der vierte Mond befand
sich in weiterer Entfernung zu den anderen, war wesentlich größer,
wirkte fast glatt, wie eine platte Scheibe, und verströmte ein
befremdliches pinkfarbenes Licht.
Alle vier trübten sich auf einmal wieder ein. Die Finsternis schien vor
ihre Formen zu kriechen und von ihnen Besitz zu ergreifen, ohne dass
sich die Wolkendecke wieder geschlossen hatte. Nur ein schwacher
farbiger Schimmer blieb wie der Eindruck eines kurz aufflackernden
Lichts auf der Netzhaut zurück.
Es war schwierig für Clarson, kein Unbehagen zu empfinden – und er
fühlte keine Erleichterung, als die Monde ebenso plötzlich wieder
auftauchten. Dann verschwanden sie von neuem. Fasziniert starrte er in
den Himmel und spürte weder die Kälte noch seinen verkrampften Nacken.
Schließlich nahmen die Monde wieder ihre angestammte Helligkeit an und
standen so unschuldig am Himmel, als hätte es niemals einen Grund
gegeben, an ihrer Existenz zu zweifeln. Eine Weile schaute er sie noch
an, in der Erwartung, ob sich das unerklärliche Schauspiel wiederholen
würde, da durchdrang erneut ein klagender Schrei die klare Nacht.
Clarson schaute sich um, ging einige Schritte vorwärts, bis an den Rand
eines steil abfallenden Abhangs, über den sich der Weg in einem
steinigen Trampelpfad nach unten fortsetzte. Der Hand endete in einem
großflächig mit Steinplatten ausgelegten runden Platz, der einzige
freie Bereich inmitten des dichten Baumbestands, und mittendrin Stellas
Gestalt, die zusammengekrümmt am Boden kauerte. Doch sie war nicht
alleine dort. Instinktiv kniete Clarson sich hinter einige Felsbrocken,
um nicht entdeckt zu werden. Er traute sich nicht, blindlings zu ihr
hinunter zu laufen.
Eine erdrückende Stille lag über allem, wie wenn man sich Watte in die
Ohren gesteckt hätte und trotzdem man eigentlich nichts hören will,
verzweifelt auf ein Geräusch lauschen würde, aber da war keines, es war
totenstill. Nicht einmal das Rauschen der Blätter in den Büschen um ihn
herum oder in den Baumwipfeln war zu hören, obwohl sie sich bewegten.
Denn der Platz war von hohen, fast kahlen Bäumen umgeben, höher als er
jemals Bäume gesehen hatte, deren Kronen erst weit oben ein dichtes
Dach bildeten und deren Stämme im Mondlicht lange Schatten auf die
Steinplatten warfen.
Clarson fühlte sich wie betäubt. Langsam reckte er seinen Kopf über die
Felsbrocken nach vorne, um zu sehen, was sich auf dem Platz abspielte.
Ausgerechnet jetzt verdichteten sich wieder die Wolken und dämpften das
Mondlicht auf ein Minimum ab. Soweit er es trotz der Dunkelheit
erkennen konnte, kniete Stella nackt auf dem Boden, ihren Kopf hatte
sie leicht nach vorne gebeugt und die Hände vor ihren Brüsten um den
Körper geschlungen. Ihre Kleidung – ein einfacher Baumwollkittel – lag
achtlos hingeworfen irgendwo am Rande des Platzes. Direkt hinter ihr
stand eine riesige Gestalt, mindestens drei Meter groß, breitschultrig
und kräftig, soweit es auf diese Entfernung zu erkennen war. Sie schien
schwarze Lederkleidung und einen dünnen flatternden Umhang zu tragen.
Breitbeinig stand sie hinter ihr und schüttelte sich gerade mit nach
hinten geworfenem Kopf vor Lachen. Dröhnend hallte es über den Platz,
wie von einer unsichtbaren Wand zurückgeworfen und um mehrere Dezibel
verstärkt. Auf dem Kopf trug die unheimliche Gestalt eine schwarze
Maske mit langer Schnauze und ihre Augen leuchteten daraus feuerrot und
scharf abgezeichnet hervor.
In diesem Moment riss die Wolkendecke ein wenig auf und gab die Monde
frei. Fahl fiel ihr Licht wie eine schummrige Theaterbeleuchtung auf
den Platz. Schockiert erkannte Clarson jetzt, dass Stella
offensichtlich von dieser Kreatur ausgepeitscht wurde und dies die
Ursache der Schreie gewesen war. Was er sich zu glauben geweigert
hatte, bewahrheitete sich nun. Das Blut lief ihr in breiten Bahnen über
den Rücken herunter, über den Po und die Schenkel, und tropfte auf den
Boden unter ihr, eine rote Lache bildend, die zwischen den Steinfugen
versickerte.
Für einen Moment war Clarson versucht, hinunterzulaufen und sich der
Bestie entgegen zu werfen, aber er war wie gelähmt. Was konnte er mit
bloßen Händen schon gegen diese muskulöse Gestalt ausrichten. Unbewusst
ahnte er, hier gingen Dinge vor sich, deren Tragweite er sich noch
nicht vorstellen konnte. Trotzdem fühlte er sich feige und mitschuldig.
Es hätte eines Helden mit Mut wie im Märchen bedurft, hier erfolgreich
einzugreifen, aber er war kein Held, er hatte nicht einmal eine Waffe.
Zum xten Male holte die Gestalt mit ihrer Peitsche aus und ließ sie auf
Stellas Rücken heruntersausen. Sie zuckte zusammen, warf den Kopf in
den Nacken und erneut entrang sich ein Aufschrei ihrer Brust, den sie
nicht zurückzuhalten vermochte. Blut spritzte über ihre blasse Haut und
auf den Boden.
Am Rand des Platzes standen mehrere in Umhänge gehüllte Menschen,
Frauen und Männer verschiedenen Alters, einige waren auf die Knie
niedergefallen, andere standen aufrecht, aber alle hielten mit ihren
Händen die Augen bedeckt und flehten unablässig monoton um Gnade. Doch
auch jetzt war nur ein höhnisches Lachen die Antwort, ihr Wehklagen
schien das Monster geradezu anzufeuern, weiter zu machen.
Es umkreiste Stella, ließ die Peitsche aus einer anderen Position auf
sie niederfallen, aber diesmal blieb der von Clarson inzwischen
gefürchtete Aufschrei aus, nur ein ersticktes Wimmern war zu hören.
Irgendetwas an dieser Gestalt und der Art, wie er seine Peitsche
schwang, war eigenartig, nicht nur die unglaubliche Körpergröße, die
massige Figur, die leuchtenden Augen. Clarson kroch hinter den Felsen
entlang, um sich eine bessere Position zum Beobachten zu suchen. Als
die Gestalt sich streckte und erneut höhnisch lachte, fiel Clarson zum
erstenmal auf, dass das, was er für einen Mantel oder Umhang gehalten
hatte, eher einer gespannten Haut glich. Das war kein besonders großer
Mensch mit einer Maske vor dem Gesicht! Er hielt den Atem an. In was
für eine geheimnisvolle Welt war er geraten? Spielte sein Gehirn ihm
einen Streich? War er schizophren? Sein Verstand kämpfte gegen das an,
was er sah. Gewiss, es mochte andere Welten mit anderen Wesen als auf
der Erde geben, in einer Entfernung von Jahrmillionen außerhalb unseres
Universums, aber das hier war eine Welt, die zumindest in ihrer
Vegetation der seinen stark ähnelte und auch die Menschen dort unten,
am Rande des Platzes, sahen genauso aus wie alle anderen.
Dieses Wesen hatte grundsätzlich die Figur eines Menschen, größer und
muskulöser als ein Baseballspieler, aber seitlich zwischen Händen und
Füßen spannte sich eine schwarze Flughaut. Und das war keine schwarze
Lederbekleidung, wie Clarson geglaubt hatte, dieses Wesen selbst war
von Kopf bis Fuß Schwarz, eine ölig schimmernde glatte, nur am Rücken
schuppige Haut, eine Mischung aus Mensch, Flughund und Drache, ein
fremdartiges brutales Fabelwesen. Anstelle normaler Hände waren
außergewöhnlich lange Finger mit spitzen Krallen zu erkennen.
Als die Kreatur zum nächsten Peitschenhieb ausholte, verstand Clarson
auf einmal, dass sie die Peitsche nicht mit der Hand schwang, sondern
dass sich der Rücken in einem dünnen Schwanz verlängerte, der lang und
am Ende immer dünner werdend meterlang auf den Boden reichte, an der
Spitze mit mehreren feinen Stacheln bewehrt. Das war die Peitsche, mit
sie ihre Qualen austeilte.
Bildete Clarson sich das ein, oder waren mittlerweile wieder Wolken
aufgezogen, die den Himmel verdüsterten? Die Szenerie schien immer
finsterer und bedrohlicher zu werden, er musste seine Augen noch mehr
anstrengen, um in der Dunkelheit zu erkennen, was dort auf dem Platz
vor sich ging.
Wieder trat die Bestie hinter Stella, schlug aber diesmal nicht mehr
mit der Peitsche zu, sondern zog sie grob auf die Füße hoch und fuhr
ihr dann mit seinen langen Krallen brutal über den blutigen Rücken.
Langsam gruben sich die Krallen tief in die Haut ein und rissen tiefe
Furchen vom Hals bis zum Po, die sofort auseinanderklafften und einen
weiteren Strom frischen Blutes entließen. Stellas Schrei war so
markerschütternd, dass Clarson sich voller Entsetzen die Ohren zuhielt
und die Hände vor die Augen hielt.
Als er seine Augen wieder öffnete und wie unter Zwang erneut hinunter
sah, kniete Stella auf dem Boden, sich mit den Händen abstützend, und
die furchtbare Kreatur beugte sich über sie und schleckte mit seiner
langen breiten Zunge genussvoll über ihren Rücken. Wieder und wieder
leckte sie schlürfend das Blut auf, dabei eine Schleimspur auf Stellas
Haut hinterlassend …
|