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08.09.2010
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Kategorien Fantasy Inka-Gabriela Schmidt-Räbiger - Parallelflucht
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Inka-Gabriela Schmidt-Räbiger - Parallelflucht
Beschreibung:Frank Clarson folgt seiner Angestellten Stella heimlich durch eine magische Tür nach Qi’mua. Was er in der fremden Welt erlebt, erschreckt ihn zutiefst. Stella muss als Kronprinzessin für die Schuld eines verlorenen Kampfes gegen die grausame Bestie Volok einstehen. Aus Angst um Clarsons Leben weigert Stella sich, ihm die Lösung zu ihrer Rettung zu nennen.
Wird es Clarson gelingen, Volok zu besiegen und Stella für sich zu gewinnen?

Autor:Inka-Gabriela Schmidt-Räbiger
Leseprobe:Unruhig lief Frank Clarson die nächsten Minuten in seinem Hotelzimmer auf und ab, zappte durch die Kanäle des Fernsehers, der auf einem Metallgestell an der Wand hing, ging zum x-ten Mal auf die Toilette, nahm die Krawatte ab und fasste dann einen Entschluss. Verdammt, dachte er sich, es ist viel zu früh, um schlafen zu gehen. Er band seine Krawatte wieder um, zog das Jacket über und beschloss, bei Stella zu klopfen und sie zu fragen, ob sie nicht mit ihm etwas in der Hotelbar trinken gehen würde. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie bereits schlafen gegangen war, da sie nicht im geringsten müde ausgesehen hatte. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, sie hatte nur nach einem Vorwand gesucht, sich zurückzuziehen und er wollte herausfinden, was der Grund dafür war.
Der Hotelflur vor seinem Zimmer war vereinsamt, nur das Mädchen vom Zimmerservice kam ihm freundlich grüßend entgegen. Zögernd stand Clarson vor dem übernächsten Zimmer und horchte auf Geräusche von innen, aber nichts drang durch die dickwandige Tür nach draußen auf den Flur. Schließlich klopfte er dreimal kräftig, aber niemand antwortete. Er wusste selbst nicht, was ihn so sicher machte, dass Stella das Zimmer nicht verlassen hatte und auch noch nicht schlafen würde. Eine innere Unruhe breitete sich aus, die ihn davon abhielt, wieder zu gehen. Das Zimmermädchen kam den Gang zurück.
„Entschuldigen Sie bitte, könnten Sie mir aufsperren? Ich habe wohl meinen Schlüssel drinnen liegen gelassen.“
Das Mädchen sah ihn unschlüssig an. „Eigentlich darf ich das nicht – wollen Sie nicht lieber hinunter an die Rezeption gehen?“
Clarson setzte sein überzeugendstes Lächeln auf und holte einen Schein aus seinem Portemonnaie. „Ja, sicherlich könnte ich das. Aber wenn Sie gerade mal hier sind?“ Verlegen steckte das Mädchen das Geld ein und schloss ihm die Tür auf. Dann entfernte es sich so schnell wie möglich den Gang hinunter. Die dicken Teppiche dämpften seinen Schritt.
Clarson wartete, bis er sie nicht mehr sah, schob dann die Tür auf, schaute ins Zimmer hinein, trat ganz ein und schloss die Tür hinter sich. „Hallo? Hallo Frau Morou, sind Sie hier?“ Langsam verließ er den schmalen Eingangsbereich zwischen Garderobe und Badezimmer und ging weiter hinein. „Frau Morou? Stella?“
Links und rechts des Betts brannten die beiden Wandleuchten, kitschige Glasschirmchen in Blütenform. Zweckmäßig mit einem Doppelbett, um es wahlweise als Einzel- oder Doppelzimmer nutzen zu können, einem kleinen Tisch und zwei Sesseln ausgestattet, einem Fernseher auf einer Konsole an der Wand, sah das Hotelzimmer im Grunde genommen nicht anders aus als seines. Wenn sich da nicht mitten zwischen Bett und Wand eine massive Bronzetür in einem steinernen Türrahmen aus hellem Marmor befunden und den Weg zum Fenster versperrt hätte.
Der Türrahmen war so überdimensioniert, dass er bis zur Decke reichte, er wäre einer Halle oder Kirche würdig gewesen. Verblüfft starrte Clarson ihn an und streckte vorsichtig die Hand aus, um die Steine zu berühren. Sie fühlten sich hart und kühl an, waren glatt und massiv, keine Halluzination. Clarson murmelte, mit sich selbst redend, vor sich hin, „Was hat das hier zu bedeuten? So etwas gibt’s doch gar nicht, oder?“  Aber das hier war real!
Er ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Stellas Koffer lag geöffnet auf der rechten Hälfte des Doppelbettes. Sie hatte einige Kleidungsstücke herausgenommen und neben den Koffer gelegt, alles sah sehr ordentlich zusammengelegt aus. Obwohl er sich inzwischen sicher war, sie dort nicht anzutreffen, klopfte Clarson an die Badezimmertür und als niemand reagierte, öffnete er sie. Aber außer Stellas Waschbeutel deutete auch hier nichts auf sie hin.
Erneut trat Clarson vor die riesige Tür und studierte die Bronzereliefs. Inmitten einer Landschaft war ein Ort dargestellt, umgeben von Wiesen, Feldern und Wald. Die Darstellung hatte eigentlich nichts Ungewöhnliches, sie sah aus wie die reliefartige Umsetzung eines sehr alten Gemäldes. Es waren mit Ziegeln oder Holzschindeln gedeckte Dächer zu erkennen, vornehmlich zweistöckige Häuser, schmale Straßen ohne Autos, Menschen in langen altmodischen Gewändern. Demnach konnte es sich um eine Darstellung aus dem Mittelalter handeln.
Irgendetwas allerdings war anders als auf Gemälden aus dieser Zeit, irgendetwas fehlte darauf. Clarson trat einen Schritt zurück, um den nötigen Abstand zu gewinnen und kratzte sich nachdenklich mit den Fingern am Kinn. Er dachte laut nach. „Ein Ort umgeben von Natur. Ein merkwürdiges Schloss im Hintergrund. Da ist wohl jemandem die Fantasie durchgegangen. Na, egal. Das Zentrum des Ortes ist zu erkennen, dort sind die Gebäude größer und prächtiger …“ Dann fiel es ihm schlagartig auf, was falsch war: Der Ort hatte keine Kirche. Das konnte nicht wahr sein, das war unüblich! Jeder noch so kleine Ort besaß als Zentrum eine Kirche, selbst das unbedeutendste Kuhdorf konnte wenigstens eine Kapelle sein eigen nennen! Stattdessen befand sich am Ortsrand dieses ziemlich merkwürdige Schloss, umgeben von offenen Wiesen, aber keinem künstlich angelegten Prachtgarten. Nur ein schmaler Kanal führte durch den Ort und geradlinig auf das Schloss zu. Dessen Fassade war nicht allzu lang, dafür ragte es mehrere Stockwerke hoch in den Himmel und wirkte mit vielen Balkonen und Erkern ungewöhnlich verwinkelt.
Aber es war mehr, was nicht stimmte, irgendetwas befand sich im Bild, das nicht in dieses Flair vergangener Jahrhunderte passte. Clarsons Augen wanderten weiter über die Abbildung. Der Ort befand sich inmitten von hohen, dicht bewaldeten, bizarren Kegelbergen, ein breiter Fluss am linken Ortsrand war zu erkennen und – Windkrafträder! Moderne, zweiflügelige Rotoren auf hohen Pfeilern in einem engen Tal hinter der ersten Reihe der Kegelberge! Er runzelte die Stirn. Eigenartig, wie passte das alles zusammen?   
Buchstaben einer vermutlich alten, ihm aber auf jeden Fall nicht geläufigen Schrift formten einen längeren Text rechts neben der Abbildung. Darüber war ein herrschaftlich anmutendes Wappen abgebildet, mit einer Krone und einem länglichen Stab mit kugelförmigem Ende, vielleicht ein Zeichen königlicher Würde.
Obwohl Clarson verwirrt war und sich noch nicht zusammenzureimen wagte, was das alles zu bedeuten hatte, fasste er instinktiv nach dem Griff der Bronzetür, um sie zu öffnen. Das Gewicht der Tür stemmte sich seinem Zug entgegen, er musste seine gesamte Kraft aufwenden und den Griff fest umklammern, um beim Aufziehen nicht die Kontrolle zu verlieren. Eine undurch¬dringliche Finsternis tat sich vor ihm auf. Erschrocken ließ Clarson den Griff los und die Tür fiel wieder von alleine ins Schloss. Das war doch nicht möglich, woher kam die Finsternis? Wieso sah er nicht das Zimmer auf der anderen Seite hinter der Tür? Der Türrahmen müsste bei geöffneter Tür doch leer sein? Das alles, die Zimmerbeleuchtung, Stellas fehlende Anwesenheit ließen nur den einen Schluss zu, dass sie durch diese eigenartige Tür fort gegangen sein musste.
Clarson kniff sich in die Backe, aber der Schmerz war eindeutig, er träumte nicht. Nochmals öffnete er die Tür und starrte sekundenlang in die Dunkelheit. Langsam streckte er seine Hand aus und meinte, einen leichten Luftzug zu spüren. Kurz entschlossen trat er durch die Tür in die Finsternis hinaus und plötzlich zerrte ein heftiger Wind an ihm und riss ihn fast von den Füßen. Wie von einer unsichtbaren Macht wurde sein Brustkorb zusammengedrückt und er bekam keine Luft mehr. Der Wind zog an seinen Kleidern, seine Haare wurden verwirbelt und Clarson verlor die Kontrolle, er hatte das Gefühl um die eigene Achse gedreht zu werden. Instinktiv ruderte er mit den Armen um sich, suchte tastend nach der Türklinke, erreichte sie zu seinem Glück, und zog, verzweifelt nach Atem ringend, die Tür hinter sich zu. Im selben Augenblick brach der Wind ruckartig ab und die Finsternis wich dem Blick auf die Steinruine eines alten Gebäudes, vielleicht eines Tempels, der vom Mondschein in ein unwirkliches Licht und harte Schatten getaucht wurde.
Ächzend stand Clarson mitten in einer Art großem Saal, umgeben von Säulen, die einstmals das Dach getragen hatten. Hinter ihm befand sich die Bronzetür im marmornen Türrahmen, so wie er ihn in Stellas Hotelzimmer vorgefunden hatte, nur stand er hier nicht frei im Raum, sondern war in eine lange Mauer integriert.
Der Boden aus rechteckigen Steinplatten war übersät von herab gefallenen Bruchstücken aus Mauern und Decke. Stellenweise waren noch Reste von weißem Putz und feinem Stuck zu erkennen. Die lückenhafte Außenfassade öffnete sich zu einer bewaldeten Landschaft, als sei diese Säulenhalle einst zerstört und verlassen worden, und die Natur hätte sich die Umgebung zurückerobert. Niedriges Gestrüpp und Unkraut reichte bis an die Mauerreste heran.
Clarson ging auf den wenigen unversehrten Treppenstufen des früheren Eingangsbereichs aus der Ruine hinaus und sah sich prüfend nach allen Richtungen um. Es war niemand zu sehen, auch nicht zu erkennen, ob überhaupt gelegentlich jemand hierher kam. Schließlich folgte er dem Weg, der vor ihm lag, gesäumt von alten knorrigen Olivenbäumen, die teils belaubt, teils abgestorben waren, und sich mit Pinien und Korkeichen abwechselten.
Der sandige Weg führte in leichten Serpentinen gewunden allmählich bergab, Clarson musste acht geben, nicht über größere Steine zu stolpern, die mitten im Weg lagen. Eine dichte Wolkendecke verbarg den Himmel und es war so dunkel, dass Clarson den Weg mehr ahnte als sah. Um nicht zu stürzen durchwühlte er seine Hosentasche nach dem Schlüsselbund und tastete nach dem Anhänger mit dem LED-Spotlight.  
Ein schriller Schrei gellte aus weiter Ferne durch die Dunkelheit. Clarson lief es wie eine eiskalte Dusche den Rücken herunter. Seine Beine waren wie gelähmt und verweigerten vorübergehend den Dienst zum Weitergehen. Dieser Schrei ging ihm durch und durch. Eine Gänsehaut überzog ihn am ganzen Körper. Er war beleibe kein Angsthase, aber dieser Ort wurde ihm auf eine ihm bis dahin unbekannte Weise unheimlich und er fragte sich für einen Moment, was er hier überhaupt verloren hatte.
Dem ersten Schrei folgte ein zweiter, der nicht weniger durchdringend war. Clarsons Verstand weigerte sich zu glauben, dass dieser Schrei zu einer Stimme gehörte, die er kannte. Was für ein schrecklicher Ort, er hätte nicht herkommen sollen. Aber vielleicht war das nicht die Wirklichkeit, befand er sich in einem äußerst real wirkenden Alptraum? Mehrfach murmelte er vor sich hin, „Wach auf, Frank! Du träumst nur! Wach doch endlich auf!“ Aber verdammt, er wusste genau, dass er nicht träumte. Er war durch eine unwirklich erscheinende Tür, die nicht in ein Hotelzimmer gehörte, in eine noch viel unwirklicher erscheinende fremde Welt vorgedrungen.
Verzweifelt bettelnde Stimmen folgten dem Aufschrei und baten laut rufend für jemanden um Gnade, die aber offenbar verweigert wurde, denn erneut durchdrang ein Schrei die Nacht, zwar nicht mehr ganz so laut, es klang eher, als ob jemand verzweifelt versuchte, seinen Aufschrei zu unterdrücken, ohne dass es völlig gelang.
Das flehentliche Betteln um Verschonung hob erneut an, gefolgt von einem grölenden, gehässigen Gelächter, dessen abartiges Echo gegen die Finsternis wie gegen eine Wand prallte und verstärkt von der klaren Nachtluft zu Clarson weiter getragen wurde.
Er lief hastig weiter, war trotz des vor ihm auf dem Weg tanzenden bläulichen Spots unachtsam und stolperte ein wenig auf dem unebenen Weg, versuchte das einsetzende Seitenstechen zu ignorieren und lockerte den Knoten seiner Krawatte. Nach einiger Zeit blieb er atemlos stehen, um sich umzusehen, schwenkte die Hand mit dem Spotlight herum, das nur einen schmalen Lichtstrahl aussandte. Wiederum durchdrang ein qualvoller Schrei die Nacht. Der Weg führte weiter leicht abwärts, wand sich um Felsbrocken und dicke Wurzeln. Ein paar Nebelschleier verwischten die Konturen der Umgebung. Fröstelnd hielt Clarson sich seine Jacke zu. Es konnte nicht mehr weit sein, die Stimmen waren immer deutlicher zu verstehen.
Die Wolkenformationen rissen langsam auf und gaben zu seiner Überraschung nicht nur einen, sondern vier Monde frei. Drei davon standen aus seiner Sicht nahe beieinander und strahlten ein bläuliches, fast weißes Licht ab. Ähnlich dem Mond den er aus seiner Welt kannte, zeigten ihre Oberflächen dunkle Kraterflecken. Der vierte Mond befand sich in weiterer Entfernung zu den anderen, war wesentlich größer, wirkte fast glatt, wie eine platte Scheibe, und verströmte ein befremdliches pinkfarbenes Licht.
Alle vier trübten sich auf einmal wieder ein. Die Finsternis schien vor ihre Formen zu kriechen und von ihnen Besitz zu ergreifen, ohne dass sich die Wolkendecke wieder geschlossen hatte. Nur ein schwacher farbiger Schimmer blieb wie der Eindruck eines kurz aufflackernden Lichts auf der Netzhaut zurück.
Es war schwierig für Clarson, kein Unbehagen zu empfinden – und er fühlte keine Erleichterung, als die Monde ebenso plötzlich wieder auftauchten. Dann verschwanden sie von neuem. Fasziniert starrte er in den Himmel und spürte weder die Kälte noch seinen verkrampften Nacken. Schließlich nahmen die Monde wieder ihre angestammte Helligkeit an und standen so unschuldig am Himmel, als hätte es niemals einen Grund gegeben, an ihrer Existenz zu zweifeln. Eine Weile schaute er sie noch an, in der Erwartung, ob sich das unerklärliche Schauspiel wiederholen würde, da durchdrang erneut ein klagender Schrei die klare Nacht.
Clarson schaute sich um, ging einige Schritte vorwärts, bis an den Rand eines steil abfallenden Abhangs, über den sich der Weg in einem steinigen Trampelpfad nach unten fortsetzte. Der Hand endete in einem großflächig mit Steinplatten ausgelegten runden Platz, der einzige freie Bereich inmitten des dichten Baumbestands, und mittendrin Stellas Gestalt, die zusammengekrümmt am Boden kauerte. Doch sie war nicht alleine dort. Instinktiv kniete Clarson sich hinter einige Felsbrocken, um nicht entdeckt zu werden. Er traute sich nicht, blindlings zu ihr hinunter zu laufen.  
Eine erdrückende Stille lag über allem, wie wenn man sich Watte in die Ohren gesteckt hätte und trotzdem man eigentlich nichts hören will, verzweifelt auf ein Geräusch lauschen würde, aber da war keines, es war totenstill. Nicht einmal das Rauschen der Blätter in den Büschen um ihn herum oder in den Baumwipfeln war zu hören, obwohl sie sich bewegten. Denn der Platz war von hohen, fast kahlen Bäumen umgeben, höher als er jemals Bäume gesehen hatte, deren Kronen erst weit oben ein dichtes Dach bildeten und deren Stämme im Mondlicht lange Schatten auf die Steinplatten warfen.
Clarson fühlte sich wie betäubt. Langsam reckte er seinen Kopf über die Felsbrocken nach vorne, um zu sehen, was sich auf dem Platz abspielte. Ausgerechnet jetzt verdichteten sich wieder die Wolken und dämpften das Mondlicht auf ein Minimum ab. Soweit er es trotz der Dunkelheit erkennen konnte, kniete Stella nackt auf dem Boden, ihren Kopf hatte sie leicht nach vorne gebeugt und die Hände vor ihren Brüsten um den Körper geschlungen. Ihre Kleidung – ein einfacher Baumwollkittel – lag achtlos hingeworfen irgendwo am Rande des Platzes. Direkt hinter ihr stand eine riesige Gestalt, mindestens drei Meter groß, breitschultrig und kräftig, soweit es auf diese Entfernung zu erkennen war. Sie schien schwarze Lederkleidung und einen dünnen flatternden Umhang zu tragen. Breitbeinig stand sie hinter ihr und schüttelte sich gerade mit nach hinten geworfenem Kopf vor Lachen. Dröhnend hallte es über den Platz, wie von einer unsichtbaren Wand zurückgeworfen und um mehrere Dezibel verstärkt. Auf dem Kopf trug die unheimliche Gestalt eine schwarze Maske mit langer Schnauze und ihre Augen leuchteten daraus feuerrot und scharf abgezeichnet hervor.
In diesem Moment riss die Wolkendecke ein wenig auf und gab die Monde frei. Fahl fiel ihr Licht wie eine schummrige Theaterbeleuchtung auf den Platz. Schockiert erkannte Clarson jetzt, dass Stella offensichtlich von dieser Kreatur ausgepeitscht wurde und dies die Ursache der Schreie gewesen war. Was er sich zu glauben geweigert hatte, bewahrheitete sich nun. Das Blut lief ihr in breiten Bahnen über den Rücken herunter, über den Po und die Schenkel, und tropfte auf den Boden unter ihr, eine rote Lache bildend, die zwischen den Steinfugen versickerte.
Für einen Moment war Clarson versucht, hinunterzulaufen und sich der Bestie entgegen zu werfen, aber er war wie gelähmt. Was konnte er mit bloßen Händen schon gegen diese muskulöse Gestalt ausrichten. Unbewusst ahnte er, hier gingen Dinge vor sich, deren Tragweite er sich noch nicht vorstellen konnte. Trotzdem fühlte er sich feige und mitschuldig. Es hätte eines Helden mit Mut wie im Märchen bedurft, hier erfolgreich einzugreifen, aber er war kein Held, er hatte nicht einmal eine Waffe.
Zum xten Male holte die Gestalt mit ihrer Peitsche aus und ließ sie auf Stellas Rücken heruntersausen. Sie zuckte zusammen, warf den Kopf in den Nacken und erneut entrang sich ein Aufschrei ihrer Brust, den sie nicht zurückzuhalten vermochte. Blut spritzte über ihre blasse Haut und auf den Boden.
Am Rand des Platzes standen mehrere in Umhänge gehüllte Menschen, Frauen und Männer verschiedenen Alters, einige waren auf die Knie niedergefallen, andere standen aufrecht, aber alle hielten mit ihren Händen die Augen bedeckt und flehten unablässig monoton um Gnade. Doch auch jetzt war nur ein höhnisches Lachen die Antwort, ihr Wehklagen schien das Monster geradezu anzufeuern, weiter zu machen.
Es umkreiste Stella, ließ die Peitsche aus einer anderen Position auf sie niederfallen, aber diesmal blieb der von Clarson inzwischen gefürchtete Aufschrei aus, nur ein ersticktes Wimmern war zu hören.
Irgendetwas an dieser Gestalt und der Art, wie er seine Peitsche schwang, war eigenartig, nicht nur die unglaubliche Körpergröße, die massige Figur, die leuchtenden Augen. Clarson kroch hinter den Felsen entlang, um sich eine bessere Position zum Beobachten zu suchen. Als die Gestalt sich streckte und erneut höhnisch lachte, fiel Clarson zum erstenmal auf, dass das, was er für einen Mantel oder Umhang gehalten hatte, eher einer gespannten Haut glich. Das war kein besonders großer Mensch mit einer Maske vor dem Gesicht! Er hielt den Atem an. In was für eine geheimnisvolle Welt war er geraten? Spielte sein Gehirn ihm einen Streich? War er schizophren? Sein Verstand kämpfte gegen das an, was er sah. Gewiss, es mochte andere Welten mit anderen Wesen als auf der Erde geben, in einer Entfernung von Jahrmillionen außerhalb unseres Universums, aber das hier war eine Welt, die zumindest in ihrer Vegetation der seinen stark ähnelte und auch die Menschen dort unten, am Rande des Platzes, sahen genauso aus wie alle anderen.
Dieses Wesen hatte grundsätzlich die Figur eines Menschen, größer und muskulöser als ein Baseballspieler, aber seitlich zwischen Händen und Füßen spannte sich eine schwarze Flughaut. Und das war keine schwarze Lederbekleidung, wie Clarson geglaubt hatte, dieses Wesen selbst war von Kopf bis Fuß Schwarz, eine ölig schimmernde glatte, nur am Rücken schuppige Haut, eine Mischung aus Mensch, Flughund und Drache, ein fremdartiges brutales Fabelwesen. Anstelle normaler Hände waren außergewöhnlich lange Finger mit spitzen Krallen zu erkennen.
Als die Kreatur zum nächsten Peitschenhieb ausholte, verstand Clarson auf einmal, dass sie die Peitsche nicht mit der Hand schwang, sondern dass sich der Rücken in einem dünnen Schwanz verlängerte, der lang und am Ende immer dünner werdend meterlang auf den Boden reichte, an der Spitze mit mehreren feinen Stacheln bewehrt. Das war die Peitsche, mit sie ihre Qualen austeilte.
Bildete Clarson sich das ein, oder waren mittlerweile wieder Wolken aufgezogen, die den Himmel verdüsterten? Die Szenerie schien immer finsterer und bedrohlicher zu werden, er musste seine Augen noch mehr anstrengen, um in der Dunkelheit zu erkennen, was dort auf dem Platz vor sich ging.
Wieder trat die Bestie hinter Stella, schlug aber diesmal nicht mehr mit der Peitsche zu, sondern zog sie grob auf die Füße hoch und fuhr ihr dann mit seinen langen Krallen brutal über den blutigen Rücken. Langsam gruben sich die Krallen tief in die Haut ein und rissen tiefe Furchen vom Hals bis zum Po, die sofort auseinanderklafften und einen weiteren Strom frischen Blutes entließen. Stellas Schrei war so markerschütternd, dass Clarson sich voller Entsetzen die Ohren zuhielt und die Hände vor die Augen hielt.
Als er seine Augen wieder öffnete und wie unter Zwang erneut hinunter sah, kniete Stella auf dem Boden, sich mit den Händen abstützend, und die furchtbare Kreatur beugte sich über sie und schleckte mit seiner langen breiten Zunge genussvoll über ihren Rücken. Wieder und wieder leckte sie schlürfend das Blut auf, dabei eine Schleimspur auf Stellas Haut hinterlassend …

Manuskript Umfang:Kontakt zum Autor aufnehmen
Bemerkungen:
Datum:2006-05-09 00:00:00
Hits:1280
Bewertung:8,56 (104 Votes)
Autor:Inka-Gabriela Schmidt-Räbiger

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1 (Schlecht)10 (Gut)

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MarleneKommentar hinzugefügt am: Mi 10 Mai 2006 14:21:13 CEST
Viel zu reisserisch (besonders am Schluss) und auf Effekte aufgebaut.
MarkKommentar hinzugefügt am: Do 11 Mai 2006 13:05:34 CEST
Vom Stil her kann man nicht meckern, aber alles in allem, wirkt die Story einem schlechten Schwarz-Weiß-Horrorstreifen entlehnt.
GreenleafKommentar hinzugefügt am: Mo 15 Mai 2006 10:29:19 CEST
Was soll das sein? Ein Märchen für Erwachsene? Mir hat es nicht gefallen.
NobbeKommentar hinzugefügt am: Mo 15 Mai 2006 12:41:27 CEST
Leider nur durchschnittlich.
siraKommentar hinzugefügt am: Di 06 Jun 2006 18:06:34 CEST
Ich mag fantastische und gruslige Geschichten, und es trifft durchaus meinen Nerv!
AnonymusKommentar hinzugefügt am: Do 29 Jun 2006 11:03:54 CEST
Toller Erzählstil, ungeheuer gruselig und furchtbar spannend – ich muss unbedingt wissen, wie es weitergeht!
KaterchenKommentar hinzugefügt am: So 09 Jul 2006 10:51:27 CEST
Eine Geschichte voller Spannung für Erwachsene über die Liebe, die über die Grenzen zweier Welten offenbar eine große Herausforderung bestehen muß. Werden die beiden es schaffen?
PraktikantKommentar hinzugefügt am: Mi 11 Okt 2006 15:26:45 CEST
Ein klasse Ausschnitt, toll gewählt.
Eine Mischung aus Horror, Fantasy und aufkeimender Liebesgeschichte.Die verwandlung vom "einfachen Erdenmenschen" zum "Helden der Parallelwelt" ist geradezu vorprogrammiert.

Erwarte mit Spannung die Komplettfassung !!
christa650Kommentar hinzugefügt am: Fr 20 Okt 2006 13:00:10 CEST
Ich finde die Mischung und den Stil auch sehr gut. Zu gerne wüßte ich, wie es weitergeht.
walterKommentar hinzugefügt am: Mi 06 Dez 2006 20:44:55 CET
Spannend - und ich finde nicht, dass es zu reisserisch geschrieben ist. Man kann sich gut hineindenken, mitzittern, mitleiden.
funkyameKommentar hinzugefügt am: Fr 06 Apr 2007 22:55:20 CEST
Finde die Leseprobe sehr interessant und mittreißend geschrieben. Konnte mich gut in die Rolle hinein versetzen, was mir sehr wichtig ist. Viele Details aufgezählt. Das einzige was für mich leider nicht so ganz rausgekommen ist, war dass es sich in die Science Fiction Richtung bewegen soll. Trotz alle dem mag ich die Schreibweise und Geschichten mit "Trollen" etc.! Bin also schon mal gespannt wie es weiter geht.
murxKommentar hinzugefügt am: Fr 25 Jul 2008 19:46:03 CEST
Eine tolle Idee, sprachlich hervorragend umgesetzt und absolut spannend! Dieses Buch würde ich kaufen. Nur gegen Ende der Leseprobe hat die Erzählstimme etwas von ihrer Dringlichkeit verloren und es haben sich für meinen Geschmack ein paar Partizipien zuviel eingeschlichen.
InkaKommentar hinzugefügt am: Do 21 Aug 2008 00:18:15 CEST
Hallo Murx, vielen Dank für Lob und Kritik. Während "Kristallsee" bald das Licht der Öffentlichkeit erblickt, habe ich für "Parallelflucht" leider noch keinen Verlag gefunden. In der Zusammenarbeit mit einem kompetenten Lektorat ließen sich die von dir gefundenen Fehler natürlich ausmerzen. Man selbst ist ja irgendwann "betriebsblind" beim eigenen Manuskript, nicht wahr?
Mangels Verlag habe ich ein paar Exemplare selbst drucken lassen.
Bei Interesse siehe www.inwisch.de (Rubrik Romane).
walterKommentar hinzugefügt am: So 11 Jan 2009 12:30:11 CET
Nachdem ich Kristallsee gelesen habe, ist jetzt Parallelflucht dran und schon die ersten Seiten versprechen wieder viel Spannung und gute Durcharbeitung. HOffentlich kommt bald mehr von dir.
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