| Leseprobe: | Epilog
Warum?
Sie war bisher immer sicher, dass ihr das nicht passieren würde. Schwer zu sagen, woher diese Zuversicht kam, aber sie gehörte zu ihr wie eine Art Markenzeichen. Das sagten auch ihre Freundinnen, oder zumindest die Mädchen, mit denen sie arbeitete. Wirkliche Freundinnen waren das ja nicht, eher Kolleginnen, manchmal Konkurrentinnen. Was geht mir durch den Kopf? Sollte nicht mein Leben als Film vor meinem inneren Auge ablaufen? Ist es nicht das, was sie einmal gelesen hatte? Stattdessen sah sie die Gesichter der Frauen aus dem Club, hörte wie sie kichern. Zumindest gab es noch was zu kichern. Sie hatte es gut, trotz allem, hatte schon ganz andere Dinge gehört. Wenn sie darüber grübelte, konnte sie von Dusel reden, dass sie es so erwischte, nachdem sie hierher gekommen war. Die Wenigsten hatten so viel Glück. Daher stammte die Zuversicht, diese ehrliche Zuversicht. Mir passiert so was nicht!
Und selbst jetzt, während ihr die warme, ölig Flüssigkeit durch die Finger sickerte, fiel es ihr schwer, sich von diesem hoffnungsvollen Gedanken zu lösen. Womöglich lag es daran, dass es nicht wehtat.
Mir nicht, dachte sie und merkte, wie ihre Beine nachgaben. Da war kein Widerstand in ihrem Körper mehr, der gegen die Schwerkraft ankämpfte. Ich sterbe! Auch diese Erkenntnis war ehrlich und als sie endlich in ihr Bewusstsein sickerte, war es zu spät, um noch Furcht zu empfinden. Nur noch die Frage nach dem „Warum?“ blieb übrig und die Einsicht, dass sie doch ein wenig naiv war.
Das Letzte, was sie wahrnahm, waren die Augen des Mannes und egal was er ihr angetan hat, sie fand sie immer noch schön.
Kapitel I
Der Jäger, der Chocolatier, die Ex-Polizistin und ein Mann der lieber in Mumbai wäre.
1
Der Mann stolperte in die Kirche.
Ohne jegliche Ehrfurcht vor seinem Schöpfer torkelte er in den breiten Gang des Mittelschiffs. Hinter ihm schlug die schwere Eichentür laut und endgültig ins geschmiedete Schloss. Der Knall hallte um die dorischen Kalksteinsäulen und schraubte sich empor bis zu den neogotischen Höhen des Kreuzgewölbes, wo er zum Echo gespalten zwischen den bleichen Rippen der luftigen Kuppelkonstruktion verebbte. Die Reihen der Opferkerzen, die bußbereite, Vergebung suchende Gläubige am Schrein der Jungfrau Maria gestiftet hatten, flackerten aufgeregt in der Zugluft. Trotz des Krachs behielten die gemeißelten Heiligenstatuen in ihren dunklen Nischen entlang der Seitenschiffe ihre versteinerte Miene.
Der teuere Anzug des Mannes war zerknittert und vom Regen durchweicht. Augenscheinlich steckte er schon zu lange in dem feinen Zwirn und war kürzlich damit in lehmige Erde gefallen. Verdreckte Knie und Ellebogen, ebenso wie die schwarzen Lederschuhe, als wäre er darin über einen Acker gelaufen. Auffällig prangte ein Rotweinfleck am Revers und der Ärmel der linken Schulter war an der Naht aufgerissen. Das graue, kurz geschnittene Haar klebte nass an seinem runden Kopf. Bis auf die dunkelroten Wangen hatte sein Gesicht eine ungesunde, gelbliche Färbung. Er keuchte und drehte sich einmal um die eigene Achse, wobei Regentropfen auf den stumpfen Marmorboden spritzen.
Offensichtlich betrat er selten das Haus Gottes, denn er vergaß die Finger in die Weihwasserschale zu tauchen, sich zu bekreuzigen und verzichtete auf den, zum Altar gewandten Kniefall, ehe er in die Kirchenbank rutschte. Es mochte am Alkohol liegen, auch wenn dieser nicht die einzige Ursache für das polternde Benehmen und die religiöse Orientierungslosigkeit zu sein schien, die dem abendlichen Kirchgänger anhaftete. Die abgerissene Erscheinung, gepaart mit dem gehetzten, ängstlichen Blick offenbarte, dass der Mann auf der Flucht war. Getrieben von einer abgrundtiefen Furcht.
Anzunehmen, dass er die Johanneskirche am Feuersee rein zufällig gewählt hatte, um seinen Verfolgern zu entkommen. Leider verhielt er sich dabei so unauffällig wie ein Schaf, das sich von Wölfen umzingelt sah. Das gebeizte Holz ächzte unter seinem Übergewicht und dokumentierte jede seiner Bewegungen mit einem geräuschvollen Knarren. Erst als er aufhörte, nervös hin und her zu schaukeln, kehrte die sakrale Stille unter die Emporen zurück, die vor seinem Erscheinen das Gotteshaus ausfüllte. Der Anzugträger war so sehr mit sich und seiner Angst beschäftigt, dass er nichts und niemanden bemerkte.
Der Galicier beobachtete das Geschehen aufmerksam aus der letzten Bank des rechten Seitenschiffes. Das diffuse, gedämpfte Licht der Kronleuchter fand nicht bis in diese Ecke und er saß geschützt im Halbdunkel unter dem Chor. Nur die flackernden Büßerkerzen zeichneten zuckende Schatten auf seine gefalteten Hände. Selbst wenn ein greller Scheinwerfer auf ihn gerichtet wäre, würde der Mann ihn nicht wahrnehmen, überlegte er ohne die Augen von dem durchnässten Besucher zu nehmen, der ihm zwanzig Meter entfernt den Rücken zuwandte.
Schweigend betete er ein Vaterunser und bekreuzigte sich. Er hatte erst vor einem halben Jahr zu Gott gefunden. Ob es nützlich war, oder auch nicht, darüber vermochte er noch nicht zu urteilen. Schaden konnte es zumindest nicht, den Herrn anzubeten. Nicht in Betracht dessen, was er vorhatte.
Dafür zahlte seine Geduld sich aus, mit der er nicht gerade gesegnet war. Doch endlich, so die untrüglichen Zeichen, hatte derjenige die Kirche betreten, auf den er gewartete hatte. Die Eingebung, die ihn vor sechs Tagen erstmals an diesen Ort führte, bewahrheitete sich womöglich. Und damit verbunden, die Geschichten und Offenbarungen. Alles wurde in ein anderes Licht gerückt und damit verbunden auch sein Glaube an den Schöpfer. Noch bis vor einer Minute, nagten mehr Zweifel an ihm, als jemals Gewissheit vorhanden war. Erstmals, seit er diesen Pfad betreten hatte, stellte sich eine vage Zuversicht ein. Ein ungeahntes Gefühl, dass ihn durchströmte. Das er lange schon spürte, tief in seinem Inneren, doch immer nur als einen mystischen Hauch, der ausreichte ihn weiter anzutreiben. Den Weg weiterzuverfolgen, den ihm sein Vater vorgezeichnet hatte.
Er war berauscht von einer Legende, wollte verstehen und glauben, aus tiefsten Herzen und reinster Überzeugung. Aber er konnte nicht, so sehr er es sich auch wünschte. Zu sehr war er Realist, als sich tatsächlich einzugestehen, dass mehr dahinter verborgen lag, als nur ein Mythos, ein Hirngespinst, dass mächtig genug war, um so viele vor ihn, in den Bann zu ziehen. Mit dem Erscheinen des Mannes näherte sich die Legende einen beträchtlichen Schritt der Wahrheit an.
Adrenalin floss durch seine Adern, er fühlte die Aufregung und musste sich zusammennehmen, um beherrscht im Verborgenen zu verharren. Es galt überlegt vorzugehen, so lange er nicht wusste, mit wem er es zu tun hatte. Wenn er jetzt handelte, gab es kein Zurück mehr. Nun lag es einig und allein in seiner Hand, die Zeit der Jagd erneut zu beginnen.
Ohne einen Laut erhob er sich. Trotz der schweren Stiefel erreichte er unbemerkt die Sitzreihen im Mittelschiff und schlüpfte in die leere Bank hinter dem Mann. Beim Hinsetzten verriet ihn das leise Knarzen seiner abgetragenen Lederjacke. Der auffälligen Kirchgänger fuhr erschrocken herum, wobei ihm ein kehliger Schrei entwich. Seine Pupillen spiegelten die Abgründe wider, in die er vor kurzem geblickt hatte.
Warum hat er überlebt? Er strich sich die schwarzen Strähnen aus der Stirn und legte den Zeigefinger auf seine schmalen Lippen, was den älteren, rundlichen Herrn keineswegs beruhigte. Mit panischem Blick starrte dieser ihn an und vergaß dabei zu atmen.
„Ich habe von ihnen geträumt. Sie können mich Davíd nennen“, flüsterte er mit seidig weicher Stimme.
„Ich verstehe nicht“, antwortete der Angetrunkene. Seine Finger krampften sich um die Ablage für die Gesangbücher, die Knöchel seiner filigranen Hände leuchten weiß. Regentropfen glänzten auf seiner hohen Stirn und zogen feuchte Bahnen über die nervösen Züge. Von seiner knolligen Zinken aus, liefen tiefe Sorgenfalten entlang seiner Mundwinkel bis hinab zum Doppelkinn. Unter den weit aufgerissenen Augen lagen dunkle Ringe, als hätte er lange nicht geschlafen. Er stank nach der Nässe, die sich in seinen Anzug gesogen hatte, nach Tabak, Alkohol und Angstschweiß. Unter den Ausdünstungen der Furcht und der Straße lagerte kaum wahrnehmbar ein Hauch von Kakao, Nüssen, Muskat und Zimt, was Davíd für einen kurzen Moment irritierte. Mit diesen ungewöhnlich lieblichen Düften hatte er nicht gerechnet und sie passten nicht in die Ouvertüre der sonstigen Gerüche, die ihm in die Nase drangen. Und obwohl das würzige Bukett ablenkte, konnte es den unterschwelligen Gestank der Verfluchten nicht überdecken. Seit einer Woche kam er täglich nach Sonnenuntergang in diese Kirche und in diesem Moment durfte er befriedigend feststellen, dass sich die Beharrlichkeit ausgezahlt hatte. Wenn sich seine geschärften Sinne nicht täuschten, hatte der Mann in der Sitzreihe vor ihm mindestens einen von ihnen berührt.
Davíd lächelte. „Ich habe Sie erwartet“, sagte er sanft aber bestimmt und streckte dem Anzugträger die Hand hin. An seinem Mittelfinger glänzte der Silberring mit den keltischen Runen, der aus dem Vermächtnis seines Vaters stammte. Die Pupillen des Mannes blieben für Sekunden an dem fein ziselierten Schmuckstück hängen. Angst und Verwirrung wichen nicht aus dessen Zügen, doch eine auf lange Jahre antrainierte Höflichkeit, gewann die Oberhand. „Dorfer“, stellte er sich zurückhaltend vor, ohne die ihm angeboten Hand zu ergreifen. „Ich verstehe nicht ... Sie haben mich ... erwartet?“
Davíd beugte sich vor und legte die Unterarme auf die Rückenlehne der Kirchenbank. Die Nieten an der Lederjacke scharrten über das dunkle Holz. Dorfer rutschte instinktiv ein Stück weiter zum Seitenschiff hin.
„Man kann nicht vor ihnen weglaufen. Haben sie einmal die Witterung aufgenommen, bleibt einem nur, sich ihnen zu stellen und es so schnell wie möglich zu beenden“, zitierte er aus den Schriften der Jäger, leise und beharrlich, um dem Mann den Schrecken zu nehmen. „Genau wie Sie, hat mich ein untrügliches Gefühl hierher geführt. Und so wie Sie, bin ich ihm gefolgt, ohne zu wissen warum. Als ich Sie vorhin durch die Tür kommen sah, wusste ich, dass ich wegen ihnen hier bin. Was auch immer Sie dazu bewogen hat, diese Kirche zu betreten, Sie taten es nicht, um die Hilfe des Herrn zu erbitten. Gott sieht weg, wenn die Nachkommen des Lichtbringers ihre Finger nach unsereins ausstrecken. Nein! Ich bin der Grund, warum Sie ausgerechnet dieses Gebäude als Zuflucht wählten.“
„Hören Sie!“, begann Dorfer mit leicht erhobener Stimme, die sogleich in die Kuppel der Basilika entschwand und mehrfach widerhallte. „Ich suchte nur Unterstand vor dem Regen ... was immer Sie auch ... wer sind Sie überhaupt?“
„Belästigt Sie der Mann?“, drang es von der Apsis her durch das Hochschiff. Neben dem Altarstein stand der junge Priester, der ihn schon die ganze Woche über misstrauisch beäugt hatte. Mit einer hastigen Bewegung strich der Hirte des Herrn das dünne, weißblonde Haar nach hinten, ehe er eilig und mit quietschenden Sohlen den Mittelgang entlang stakste. „Was wollen Sie überhaupt in meiner Kirche? Seit Tagen lungern Sie hier herum“, schimpfte der Kleriker. Das edelsteinbesetzte Goldkreuz um seinen Hals wippte im Rhythmus der hastigen Schritte gegen seine schmale Brust. Die Soutane wehte um seine dürren Beine. 33 silberne Knöpfe glänzten an dem schwarzen Ornat, einer für jedes Lebensjahr von Jesus Christus. Vor wenigen Monaten hätte ich so etwas nicht gewusst, dachte Davíd, solche Details überhaupt nicht bemerkt.
Dorfers Irritation wuchs unverkennbar. Auf der Flucht vor dem Unsäglichen hatte der Mann gehofft in der Kirche Schutz zu finden. Doch jetzt sah er sich neben Davíd auch noch mit einem Vertreter der Kurie konfrontiert, dessen Verhalten im fragwürdigen Widerspruch zu seiner Gesinnung stand. Der Pfarrer stürzte wie eine Furie heran, bar jeglicher seelsorgerischer Nächstenliebe in seinen verbissenen Zügen. Davíd beschloss die Situation für sich auszunutzen und setzte ein beschwichtigendes Lächeln auf. Seine finstere, martialische Erscheinung wirkte alles andere als seriös, aber das ruppige Auftreten des Priesters, sollte es ihm leicht machen, Dorfers Vertrauen zu gewinnen. Dieser fuhr sich mit dem Zeigefinger in seinen Hemdkragen und dehnte ihn, als würden die gesegneten Luftmassen unter dem Tonnengewölbe nicht mehr genügen, um ihn ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen.
Davíd trat aus der Bank und stellte sich dem Geistlichen entgegen. Er überragte den schmächtigen Pfarrer um einen Kopf. „Ihre Kirche?“, fragte er herausfordernd.
Der Fürsprecher des Herrn bremste seinen forschen Tritt und blieb mit gebührendem Abstand stehen. Ohne auf die Anspielung einzugehen, richtete er sich an Dorfer. „Hat der Mann Sie belästigt?“, fragte er nahezu hysterisch und versprengte endgültig den Rest von Stille im Gotteshaus.
Der Mann im regennassen Anzug wich einen weiteren halben Meter zurück. „Wir unterhalten uns nur“, warf er ein und erntete damit eine abfällige Geste.
Der Priester wandte sich an Davíd und musterte ihn abschätzend von oben bis unten wie er es bereits die Tage zuvor getan hatte. Dem Geistlichen war unverkennbar anzumerken, dass ihm sowohl das strähnige Haar, die verschlissene schwarz Lederjacke, die ausgeblichene Jeans, als auch die klobigen Stiefel grotesk erschienen und sauer aufstießen. Besonderes Entsetzen zeigte der Kleriker beim Anblick des silbernen Totenkopfanhängers, den er um den Hals trug. Davíd fixierte den Priester mit kaltem, arrogantem Blick, sein Lächeln besaß keinerlei Freundlichkeit mehr.
„Was haben Sie hier verloren? Ihre Anwesenheit vergiftet jeden Tag aufs Neue diese geweihte Architektur. Suchen Sie ihresgleichen auf der Gosse, aber nicht im Haus des Herrn!“, trotzte der mit mutigen Worten.
Er ballte seine Rechte zur Faust, bis seine Knöchel knackten. Der Pfarrer schluckte laut und zuckte nervös mit den Händen, als wollte er sich einem ersten Impuls folgend bekreuzigen.
„Er hat nur nach der Uhrzeit gefragt“, murmelte Dorfer. „Nichts weiter!“
Der Soutaneträger streckte seinen Rücken durch, der schmale Mund wurde noch eine Spur schmaler, indem er die dünnen Lippen aufeinander presste, bis sie blutleer waren. Er schniefte durch seine lange, gekrümmte Nase, als plagten ihn verstopfte Nebenhöhlen. Für Sekunden war nur das leise Knistern der brennenden Kerzendochte zu Füßen der Jungfrau Maria zu hören. „Sind Sie betrunken?“, fragte der Kleriker dann mit ungeminderter Aggression in der Stimme, den Blick stier auf den Rotweinfleck an Dorfers Jackettkragen gerichtet.
„Nur ein Gläschen“, antwortete dieser verbittert. Gemessen an seiner Fahne, entsprach das nicht der Wahrheit, reicht ihm jedoch scheinbar aus, um beruhigten Gewissens behaupten zu können, den zum Sündenerlass befähigten Hirten nicht fegefeuerverdächtig belogen zu haben.
„Raus hier, alle beide!“, fauchte der Geistliche. „Diese Kirche ist kein Aufenthaltsort für gestrandete Gestalten, weder für Alkoholiker noch für heimatlose Berber, die sich mit heidnischen Symbolen schmücken.“
„Es regnet“, setzte Dorfer zu einem kläglichen Versuch an, im Schutz des sakralen Bauwerks verweilen zu dürfen. Der Priester gab einen bellenden Lacher von sich und wies mit seinem dürren Finger zur Tür.
„Gehen wir!“, sagte Davíd mit unüberhörbarer Schärfe, die Faust weiterhin geballt. Der gebeugte Mann in der Kirchenbank sah ihn mitleidswürdig an und klammerte sich instinktiv noch fester an die Rückenlehne der Sitzreihe vor ihm. Die Angst vor dem, was draußen in den dunklen Straßen im Verborgenen lauerte, kam mit unverminderter Gewalt zu ihm zurück. Er suchte den Blick des Pfarrers, doch der war unnachgiebig. Mit einem tiefen Seufzer erhob er sich. Erst beim zweiten Anlauf war er sicher genug, um in den Mittelgang zu treten und dem Altar den Rücken zu kehren.
Davíd zog die mit Schmiedeeisen beschlagene Kirchentür auf und lies Dorfer den Vortritt. Der zögerte auf der Schwelle, als lähme ihn die Furcht. Erst nach einem auffordernden Blick trat er durch den gotischen Spitzbogen des Portals. Draußen peitschte ein kalter Novemberregen über den Vorplatz. Ein beißender Westwind pflückte die letzten welken Blätter von den Ahornbäumen, die den Feuersee im Stuttgart Westen säumten und trieb sie vor sich her. Gedrängt unter den Vorbau des Haupteingangs, schlugen sie gleichzeitig ihre Krägen hoch. Bis auf den Regen und den eisigen Böen, erschien die nähere Umgebung des Kirchplatzes unverdächtig. Niemand war zu sehen, das ungemütliche Wetter hatte die Leute aus den Straßen gefegt. Die Glocken im Turm hoch über ihnen, schlugen halb acht. Die Nacht hatte noch nicht einmal richtig begonnen und Davíd ahnte, dass sie noch lang werden könnte.
„Was wird hier gespielt?“, fragte Dorfer, der sich längst nicht mehr bemühte, seinen österreichischen Akzent zu verbergen. „Ich bin zu besoffen, zu verwirrt oder beides, um den Sinn dieser Inszenierung zu verstehen. Sie haben von mir geträumt und glauben zu wissen, was mich umtreibt, als hätten Sie von einem Übermaß an Esoterik befallen, ein bisschen zu ungestüm die Tarotkarten gemischt. Ja, ich habe Schiss, dass gebe ich unumstritten zu, weil ich es ohnehin nicht verheimlichen kann. So gesehen, bin ich auch tatsächlich auf der Flucht. Ich flüchte vor den Intrigen meiner Frau und ich habe Angst, vor dem, was sie heraufbeschwören will. Selber schuld. Ich habe meine Nase in etwas gesteckt, was mich nichts angeht und bin, zugegebenermaßen, auf etwas gestoßen, wofür die Kapazität meines Hirnkastls nicht ausgelegt ist, auch wenn mein aufgeweichter Verstand mir sagt, dass ich es verhindern sollte. Aber auch dafür habe ich zu wenig Arsch in der Hose, mein Freund, oder zu kleine Eier, wie immer Sie wollen. Und trotz all dieser desaströsen Umstände wüsste ich beim besten Willen nicht, wie Sie mir aus diesem Schlamassel helfen können? Im Gegenteil, wegen ihnen stehe ich jetzt wieder auf der Straße.“ Mit einen kurzen Nicken zeigte der Österreicher auf das Schild einer Kneipe, das ihnen schräg gegenüber aus einer Gasse entgegenleuchtete. „Ich könnte noch einen vertragen.“
Er stimmte zu. Die Spelunke würde nicht den Schutz einer Kirche bieten, aber alles war besser, als die Dunkelheit und der kalte Regen, solange er nicht wusste, wie nahe die Kreaturen der Nacht dem Mann an seiner Seite waren.
2
„Du sollst dich bei der Chefin melden!“, rief Rainer in den Umkleideraum.
„Ich habe Martina eben noch auf dem Parkplatz getroffen“, antwortete sie und lugte um die Ecke. Ihr Kollege streckte seinen runden Kopf durch den Türspalt. „Ich meine nicht deine Vorgesetzte, Schätzchen, sondern die Grand Dame, die Königin das Schokoladenreichs, deine Geldgeberin, die CHEFIN!“
Scheiße, fluchte sie still in sich hinein und schlug die Spindtür zu. „Habe verstanden! Und jetzt verzieh dich hier, sonst gibt’s eine Augenspülung mit Reizgas!“
„Uh, ich krieg Angst“, spottete der beleibte Sicherheitsmann und grinste abschätzige, ehe er die Tür hinter sich zuzog.
Was will die Alte von ihr? Lara war erst seit einer Woche hier beschäftigt, genau genommen war heute ihr fünfter Tag, und sie hatte kein gutes Gefühl dabei, schon in die Chefetage zitiert zu werden. Warum hatte Martina nichts gesagt?
Martina, die Leiterin der Sicherheitsabteilung und des Werkschutzes, war eine beinharte Lesbe. Sie hatte sich trotzdem von Anfang an gut mit ihr verstanden. Als sie ihr vorhin beim Betreten des Firmengebäudes begegnet war, hatte Martina ihr eine gute Nacht gewünscht und auf die Teambesprechung nächste Woche hingewiesen. Kein Wort davon, dass sie bei der Grand Dame antreten sollte. Das ließ den Schluss zu, dass ihrer Vorgesetzten nicht bekannt war, dass die Konzernleiterin sie sprechen wollte.
Sie band die Schnürsenkel ihrer Stiefel und sah auf die Uhr. Ihr Dienst begann um acht, sie hatte noch zehn Minuten. Mechanisch prüfte sie ihre Ausrüstung am Gürtel: Taschenlampe, Mobiltelefon, Schlüsselbund, das Pfefferspray, alles steckte an seinem Platz. Sie warf ihr langes, rotblondes Haar zurück und zurrte es zu einem Pferdeschwanz zusammen. Ein kurzer Blick in den Spiegel über den Waschbecken der Umkleidekabine. Sie sah müde aus und bleich. Genau wie sie sich fühle. Mit den Fingerkuppen rubbelte sie sich über die hohen Wangenknochen, was ohne Effekt blieb. Ihre grünen Augen leuchteten. Wenigsten etwas. Der Werksausweis hing schief an der Bluse und sie zupfte daran, bis die Plastikkarte einigermaßen gerade saß. Die Uniformhose hat einen ungünstigen Schnitt und sie hasste das hellblaue Hemd mit den Schulterklappen. Darüber Gedanken zu verschwenden, sollte sie von dem ablenken, was oben im fünften Stock auf sie wartete. Mit mulmigem Gefühl im Bauch ging sie zu den Fahrstühlen.
Um mit dem Lift in die oberste Etage zu gelangen, musste sie den Schlüssel benutzen. Bislang hatte sie einmal pro Nacht da oben ihre Runde gemacht. Dann brannte nur die Notbeleuchtung und in den Büros war lediglich das leise Knacken der Relais in den Rechnern zu hören. Als die Aufzugtür sich jetzt öffnete, war der Gang hell ausgeleuchtet und im ersten Moment glaubte sie, sich im Stockwerk geirrt zu haben. Die großen, abstrakten Gemälde an den Wänden waren ihr noch nie aufgefallen. Zögernd trat sie aus der Kabine und ging den breiten Flur entlang. Sie hatte sich längst an den süßlichen Geruch gewöhnt, der überall in den Gebäuden mehr oder weniger intensiv präsent war. So weit weg von der Produktion, sollte er hier oben nur latent vorhanden sein. Aber das Gegenteil war der Fall oder es kam ihr nur so vor, weil unterbewusst ihre Sinne geschärft waren. Es war beinahe wie früher, als sie noch dem nachging, wofür sie sich berufen fühlte.
Alle Bürotüren waren geschlossen, um diese Zeit stand das Verwaltungsgebäude nahezu leer. Nur hinter einer Tür hörte sie noch jemanden energisch auf einer Tastatur tippen. Der Rest war längst im wohlverdienten Feierabend. Sie vermied es hoch zu den Videokameras in der Decke zu sehen. Rainer würde sie in der Überwachsungszentrale auf dem Monitor beobachten und dabei wahrscheinlich hastig sein erstes Fleischkäsbrötchen des Abends in sich hineinfressen. Wenn er aufmerksam war, erkannte er an ihren Bewegungen die Nervosität, die sie beschlich. Aber wenn sie ehrlich war und obwohl sie ihn erst seit Montag kannte, traute sie ihrem Kollegen dieses geschulte Auge nicht zu.
In ihrem Magen war ein Klumpen gewachsen, der mit jedem Schritt größer wurde. Vielleicht war es doch anders als früher? Auch da gab es dieses Magendrücken, aber es fühlte sich besser an. Nicht so wie jetzt, wo sie nicht wusste, was sie erwartete. Seitdem sie hier arbeitete, hatte sie schon einiges über die Regentin des Schokoladenimperiums aufgeschnappt. Nichts davon war sonderlich gut. Sie hasste es, sich hilflos zu fühlen und noch mehr verabscheute sie es, der Willkür dieser Frau ausgeliefert zu sein. Einer Frau, die sie nicht kannte, die gesellschaftlich weit über ihr stand und die nicht berechenbar zu sein schien. Sie würde bei diesem Gespräch nicht die Kontrolle haben und von Anfang an im Nachteil sein, weil sie diesen Job brauchte und sich keinen Ausrutscher leisten konnte. Zügle dein Temperament oder lass es erst besser gar nicht aufkommen! Mit einen stillem Seufzer klopfte sie an die Tür des Chefsekretariats, dann drückte sie die Klinke nach unten.
Die Sekretärin stand links von der Tür vor einem Einbauschrank und schlüpfte gerade in einen schrillen, orangefarbenen Mantel. Die füllige Frau war Mitte Vierzig, hatte eine ungesunde, rote Gesichtsfarbe und speckige Wangen, die sie mit einer modernen Frisur zu kaschieren versuchte. Sie trug das klassische, dunkelblau Bürokostüm und unbequem aussehende, hohe Schuhe. Lara konnte sich nicht an ihren Namen erinnern.
„Ah, Frau Winter. Kommen Sie rein! Eine Sekunde, ich sage Bescheid.“ Mit einem Arm im Mantel stöckelte sie um den Schreibtisch herum und griff zum Telefonhörer. An jedem ihrer Wurstfinger glänzte ein goldener Ring. Billiger Tand, der mit dem kräftigen Rot des Nagellacks konkurrierte. „Frau Winter ist jetzt da“, verkündete sie nach einigen Sekunden, wobei sie eine aufrechte Haltung annahm. Die weiße Bluse spannte über ihren prallen Busen. Es erfolgte ein kurzes Nicken, das sie mit einem „Ich schicke sie rein“, kommentierte. „Brauchen Sie mich noch?“ Wieder verstrichen zwei Atemzüge. „Dann bis morgen!“ Die Vorzimmerdame legte auf und fummelte sich umständlich in den zweiten Ärmel ihres vermeidlich modischen Überhangs. „Sie können jetzt“, verkündete sie, ohne Lara Beachtung zu schenken. „Frau Herzog erwartet Sie.“
Lara betrat das Büro der Konzernleiterin. Herzog-Schokoladen - ein Genuss von Adel, siebzehn Niederlassungen weltweit, über dreitausend Angestellte, vom Kakaobohnenpflücker auf den betriebseignen Plantagen in Venezuela, über die zahlreichen Chocolatiers und Lebensmitteltechniker in den Labors und Produktionshallen im Stammhaus, den Verwaltungspersonal, den Verpackungsdesigner, den Lastwagenfahrer aus dem Logistikzentrum in Stuttgart-Möhringen bis hin zum Werksschutz. Alle waren sie den Launen dieser Frau ausgeliefert, die seit zwölf Jahren die Geschicke des Unternehmens lenkte. Nun bekam sie diese mächtige Dame erstmals zu Gesicht und wünschte sich nichts sehnlicher, als ganz wo anders zu sein.
Mariella Herzog saß hinter ihrem ausladenden Designerschreibtisch und blätterte in einer Unterschriftenmappe. Ihr Äußeres war in keiner Weise mit Schokolade in Einklang zu bringen. Weder süß, zart schmelzend noch feinherb, nichts, in das man gerne reinbeißen möchte. Kühle Distanziertheit, unnahbare Attraktivität gepaarte mit kaltblütiger Intelligenz, die aus ihren blauen Augen strahlte. Sie sah ohne erkennbare Regung kurz auf und widmete sich dann wieder den Unterlagen. Angeblich war sie 55, wirkte aber wesentlich jünger. Ihr schmales Gesicht war makellos, die Lider einen Tick zu sehr gestrafft, die Naseflügel zu symmetrisch. Das Werk eines renommierten Chirurgen, der sich womöglich noch an anderen Stellen verwirklichen durfte und augenscheinlich hervorragende Arbeit geleistet hatte. Sie trug eine schlichte, weiß Bluse. Das Haar hatte die Farbe ihrer weltbekannten dunklen Schokolade und war ähnlich modern geschnitten wie das ihrer Sekretärin. Nur stand der Gand Dame, wie man sie im Unternehmen nannte, die Frisur wesentlich besser. „Setzen Sie sich!“, sagte sie ohne weitere Beachtung.
„Ich stehe lieber“, erwiderte Lara und ahnte sofort, dass ihr Einstieg in diese Unterhaltung schon der falsche war.
Ihre Chefin hob ruckartig den Kopf und fixierte sie. Der unnachgiebige Blick bohrte sich in ihre Augen und sie konnte ihm keine drei Sekunden standhalten. „Schätzchen, Sie laufen die ganze Nacht herum, also pflanzen sie ihren schmalen Arsch jetzt in diesen Stuhl. Ich habe keine Lust zu ihnen hoch zustarren, davon kriege ich nur einen steifen Nacken und mein Physiotherapeut macht gerade Urlaub.“
Mit zwei schnellen Schritten saß Lara im angebotenen Stuhl. Erdrückend lange Sekunden beschäftigte sich die Herzog weiter mit ihrer Unterschriftenmappe und sie war dazu verdammt, das Büro zu begutachten. Durch das große Fenster zur Linken starrte die Nacht herein. Alle Wände waren nüchtern weiß, nur an der Stirnseite hingen Plakate vergangener Werbekampagnen. Es gab keine Regal, keine Bücher, nur ein Sideboard in dem sich Aktenordner reihten und einen Beistelltisch mit Kaffeegeschirr. Lara versuchte ihre Beine still zu halten, aber sobald sie an etwas anderes dachte, begann der linke Unterschenkel zu zittern.
„Sie machen ausschließlich die Nachtschicht?“, kam die Frage aus dem nichts.
„Das liegt mir, ich bin wohl eher ein Nachtmensch.“
„Das bin ich in gewisser Weise auch“, murmelte Mariella und blätterte sich durch das nächste Dokument. Das Rascheln des Papiers war für einige Herzschläge lang das einzige Geräusch im Raum.
„Sie waren bei der Polizei?“
Was wird das jetzt? Ihr liegt doch sicher der Personalbogen vor? Lara nickte, bis ihr bewusst wurde, dass die Schokoladenkönigin sie nicht ansah. „Ja!“
In Zeitlupe legte Mariella die Mappe zur Seite, verschränkte die schlanken Finger ineinander und betrachtete sie. „Es interessiert mich nicht, warum Sie ihren Dienst quittiert haben, aber es kommt mir gelegen. Ich brauche ihre Hilfe!“
Die Wendung des Gesprächs brachte keine Entspannung. Das mulmige Gefühl verstärkte sich. Die Grand Dame blieb in ihren Regungen undurchschaubar. Lara hatte die Stelle in der Sicherheitsabteilung bei Herzog Schokoladen vor fünf Tagen angetreten, froh darüber, nach über einem Jahr endlich wieder Arbeit zu haben. Sie war neu in diesem Unternehmen, hatte die erste Woche fast hinter sich und nun wurde sie von der Konzernleiterin persönlich um Hilfe gebeten. „Ich ... verstehe nicht?“
„Warum ausgerechnet Sie mir helfen können?“ Mariella liest in ihr wie in einem offnen Buch. Wieder brachte sie nur ein Nicken zustande.
Ihre Chefin lächelte, aber es war ein einstudiertes Lächeln, ohne jegliche Tiefe. „Ich muss ihnen nicht erzählen, welche Verantwortung mir in diesem Unternehmen obliegt, welche Tragweite meine Entscheidungen haben.“ Sie machte eine kurze Pause, als überlegte sie, ob sie den Monolog über ihre Führungsfunktionen fortsetzen sollte, besann sich eines Besseren und kam umgehend zur Sache. „Es geht um eine delikate Angelegenheit, bei der ich niemandem vertrauen kann. Demnach bleibt mir die Wahl, jemandem diese heikle Aufgabe zu übertragen, der schon lange in meinen Diensten steht und der die internen Vorgänge kennt. Der aber, eben aufgrund seines Wissens über die Belange des Unternehmens, seine eigenen und vermutlich unschönen Schlüsse zieht. Oder ich nehme Sie, die jungfräuliche Novizin, die allem gegenüber noch unvoreingenommen ist und die sich, so nehme ich an, profilieren will. Wie hätten Sie sich entschieden?“
„Kommt auf die Angelegenheit an“, antwortet Lara. Ihr kriminalistisch geschultes Hirn begann zu arbeiten. Ein Prozess lief an, den sie verloren glaubte, nachdem sie aus dem Polizeidienst ausgeschieden war. Ihre Ausbilder hatten ihr stets ein gutes Gespür bescheinigt, wenn es um das Zusammentragen und Analysieren von Fakten während einer Ermittlung ging. Sie entdeckte häufig auf Anhieb für einen Fall relevante Ding, die nicht auf den ersten Blick offensichtlich waren. Knüpfte schneller die Verbindungen, als ihre Kollegen und trug so zu einigen raschen Fahndungsergebnissen bei. Alles sah nach einer Erfolg versprechenden Karriere im gehobenen Dienst aus. Aber letztlich hatte ihr dieses Talent mehr geschadet, als geholfen.
„Kennen Sie meinen Mann?“, fragte die Managerin.
Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß nur, dass er hier beschäftigt ist.“
„Ein Chocolatier mit Leib und Seele, ein häufig ausgezeichneter Meister und Künstler seines Fachs. Ich greife nicht zu hoch, wenn ich ihn als Genie bezeichne. Er hat uns wahrlich große Schokoladen kreiert“, begann die Herzog und bekam für einen Augenblick einen träumerischen Gesichtsausdruck, der jegliche Härte aus ihren Zügen nahm. Ein Moment, der nur kurz währte. „Leider ist ihm dieser Ruhm zu Kopf gestiegen. Das ist ein Problem, den viele Genies erlegen, sie verfallen dem Größenwahn. Nun, so schlimm ist es noch nicht. Er trinkt zu viel und er spielt. Es sind Phasen und wir haben sie weitgehend unter Kontrolle. Wenn er unter Stress steht, ist er besonders anfällig dafür.“
„Und das tut er im Moment?“
Die Zwischenfrage irritierte Mariella Herzog für zwei Atemzüge, als überlegte sie, ob dafür eine Erklärung nötig wäre. „Er ist abkömmlich, ich möchte, dass Sie ihn suchen!“, verlangte Sie stattdessen. Wir brauchen ihn dringend, um eine neue Kreation fertig zustellen. Es hängt viel Herzblut daran ... und natürlich auch ein hoher finanzieller Aufwand. Wir betreten Neuland, etwas nie Dagewesenes.“ Wieder verklärte sich ihr Blick, ging über Laras Schulter hinweg und verlor sich für Sekunden in den Visionen, die jenseits ihrer Bürowände in der Unendlichkeit des Universums schwebten.
„Seit wann vermissen Sie ihn?“, fragte Lara, ganz so, als wäre sie wieder im Polizeidienst und brachte die Herzog wieder zurück hinter ihren Schreibtisch. Mariella lies sich Zeit mit der Antwort. Man sah ihr an, dass sie es vermeiden wollte, unnötige Details auszuplaudern. Womöglich bereute die Schokoladenproduzentin bereits, sie damit betrauen zu wollen. „Er war Dienstag lange im Labor. Das zumindest zeigen die Bänder. Ich weiß zwar nicht, warum das für Sie relevant ist, aber um halb elf hat er seine Hexenküche verlassen.“
„Hexenküche?“
„Er pflegt gerne zu scherzen und zieht es vor, das Labor so zu nennen.“
„Dienstag? Seitdem ist er nicht wieder aufgetaucht?“
„Würde ich Sie sonst auffordern, ihn zu suchen?“
„Hat er angerufen?“
„Nein!“
„Ist das sein übliches Verhalten, wenn er ... spielt?“
„Hören Sie, es ist wichtig, dass er unsere neue Schokoladenkomposition fertig stellt. Wir richten dafür gerade eine nagelneue Produktionsstraße ein, neues Personal wird eingestellt. Jeder Tag, der eine Verzögerung bedeutet, kostet ein Vermögen und das ist ihm wohl bewusst. Doch er treibt sich in Spielcasinos herum und vergisst dabei die Zeit. Schleifen Sie seinen Arsch zurück in seine Hexenküche“, fauchte die Herzog. „Mehr verlange ich nicht von ihnen.“ Die Wut kam überraschend und machte Lara deutlich, dass die Zeit der Fragen vorbei war. Sie war nicht mehr bei der Polizei. Es gab keine Waffe, keine Handschellen und keine Dienstmarke, die sie früher immer als eine Art Schutzschild empfand. Sie würde tun müssen, was diese Frau von ihr verlangte, selbst wenn es nicht als Pflicht in ihrem Arbeitsvertrag festgehalten war. „Wer übernimmt meine Schicht?“, kam ihr über die Lippen. Wieder eine Frage, die Mariella Herzog nicht hören wollte.
„Sie machen sich zu viele Gedanken, Schätzchen!“, raunte sie und verfiel wieder in den kühlen, neutralen Tonfall. „Ihre Kollegen werden heute Nacht auch ohne Sie auskommen. Und sollten Sie ein Wort darüber verlieren, womit ich Sie beauftrage, werden die auch zukünftig nicht mehr auf ihre Unterstützung bauen können.“
Lara fühlte sich vor den Kopf gestoßen. Deutlicher hätte die Grand Dame ihr nicht vor Augen führen können, wie dünn das Eis für eine Angestellte in der freien Wirtschaft war. Ihr blieb keine Wahl, sie würde den Chocolatier suchen. „Gibt es einen Anhaltspunkt, wo ich anfangen kann?“
„Versuchen Sie es im SI-Zentrum. Es ist nahe liegend, dass er im Stuttgarter Casino spielt, nachdem ich für ihn ein Hausverbot in Baden-Baden erwirken konnte.“
„Haben Sie ein Bild von ihm?“
Die Konzernleiterin zog eine Schublade ihres Schreibtisches auf, kramte darin herum und holte einen matt glänzenden Rahmen hervor. „Ist schon etwas älter, aber Sie werden ihn erkennen“, kommentierte Mariella und reichte ihr das Bild. Lara schob das Foto aus dem schweren Silberrahmen und betrachtete es. Der Mann darauf lächelte sympathisch. In seinem Blick lag die Wärme, die seiner Frau fehlte.
„Nehmen Sie einen der Firmenwagen. Der Pförtner weiß Bescheid.“
Sie stand auf und steckte die Fotografie in die Brusttasche. Die Schokoladenkönigin erhob sich ebenfalls und kam um den Schreibtisch herum. Von irgendwoher hatte sie ein Bündel Hunderter in der Hand, dass sie ihr hinstreckte. „Falls Sie jemanden schmieren müssen.“
„Ich ...“ Sie nahm zögernd das Geld. Mariella kam noch einen Schritt näher, drang in voller Absicht in ihre Intimsphäre ein, als wolle sie demonstrieren, dass es für sein kein Barrieren gab. Lara unterdrückte den Impuls zurückzuweichen. Der kalte Blick ihrer Chefin stach ihr nahezu hypnotisch in die Pupillen. In diesem eigenwilligen Moment tat sie es als Einbildung ab, aber später war sie sicher, dass die formschön modellierten Nasenflügel der Grand Dame vibrierten, als sog sie ihren Duft in sich hinein. Ihr drängte sich der verrückte Gedanke auf, die Frau würde sie küssen oder gar in den Hals beißen. Mariella war ihr so nah, dass die feinen Fältchen unter ihren dezent geschminkten Augen und um die schmalen Lippen nicht verborgen blieben. Für einen flüchtigen Moment fühlt sich Lara überlegen, nur weil sie nicht einmal halb so alt wie die Schokoladenkönigin war.
„Nicht mehr lange mein Schätzchen, nicht mehr lange!“ Das Gefühl der Überlegenheit verflog, so schnell wie es gekommen war. „Er wird bereitwillig mit ihnen mitkommen“, insistierte sie. „Aber ziehen Sie die Uniform aus!“
3
„Dorfer ist mein Mädchenname“, verkündete der Österreicher und hob das Pils um ihm zuzuprosten. Der Mann versteckte seine Furcht nun hinter Sarkasmus. „Du kannst mich Hartmut nennen.“
Von der Kirche her, waren sie durch den Regen geeilt, in die Gasse hinein und in dieses zwielichtige Lokal. Eine rauchige Spelunke, die sich mit den ewig selben Stammgästen über Wasser hielt. Abgerissene Gestalten, die sich den Tag über an Weißbiergläser klammerten und mit ihrer Stütze die Spielautomaten gegenüber der Schanktheke fütterten. Männerschweiß, Bier und altes Bratfett mischte sich mit beißendem Uringestank, der durch die offene Toilettetür in die Gaststube drang. Dunkles gebeiztes Holz, vergilbte Gardinen und vom Nikotin gelbgrau verfärbte, klebrige Wände mit Bierreklame und Fußballwimpel bestimmten das Interieur. Im Schummerlicht hatten sie am Tresen auf zwei Barhockern Platz genommen. Seitdem wurden sie misstrauisch beäugt; von den Zechern, als auch vom beleibten, langhaarigen Wirt, der mit einem speckigen Lappen unentwegt über die Theke wischte. Verglichen mit den vier Männer an den blinkenden Spielautomaten, die längst zum Inventar der Kneipe gehörten, waren sie Fremdkörper, echte Gäste, und diese Situation erschien dem Gastronom so suspekt, dass er sie keinesfalls unbeobachtet wissen wollte.
Davíd stieß mit seinem Glas Wasser gegen Dorfers Pilstulpe. Der trank das Bier in einem Zug halbleer, verzog das Gesicht und wischte sich den Schaum von der Oberlippe. „Schrecklich das Zeug“, kommentierte er. „Ich weiß jetzt schon, dass mir morgen der Schädel davon dröhnt. Aber ich bezweifle, dass die hier einen guten Wein ausschenken.“
Davíd hatte nur einen Gedanken. Er musste mehr über den Österreicher erfahren, bevor dieser zu betrunken wurde. Nach dessen Verhalten zu urteilen, war ihm nicht wirklich bewusst, auf wen er vor kurzem getroffen war. Wer seine verabscheuungswürdige Ausdünstung wie einen giftigen Fingerabdruck auf dem Mann hinterlassen hatte. Noch nie war er der Brut des Lichtbringers so nahe gekommen, seit er das Erbe der Jäger angenommen hatte. Seitdem er das Totenbett seines Vaters verließ, hatte es sich nie bekehrte gefühlt, als in diesem Augenblick. Widersinniger Weise aber auch nie verwirrter auf Grund der Erkenntnis, dass alles wahr werden würde.
„Davíd!“, wiederholte Dorfer seinen Namen. „So ausgesprochen habe ich das noch nie gehört, Wo kommst du her? Spanien?“
„Galicien“, antwortete er knapp. Er war ihm zuwider darauf einzugehen, woher seine Wurzeln stammten. Wie sollte er auch von einem Land berichten, dass er selber viel zu wenig kannte, weil man ihn schon früh von dort fortgebracht hatte. Eine Region im Norden Spanien, wo der Atlantik rau war, die Klippen schroff und die Küsten grün wie in Irland. Wo die Menschen blaue Augen hatten und in ihrem Aussehen auch sonst nicht an Spanier erinnerten, weil ihre Vorfahren Kelten waren. Wo die Milch herkommt und die Entenmuscheln und der Jägerkult, um den sich eine handvoll Legenden rankten, von denen aber kaum jemand wirklich wusste.
„Dafür sprichst du gut Deutsch“, erwiderte der Wiener und versprengte damit die löchrigen Erinnerungen über seine wahre Heimat. „Wie auch immer, ich weiß nicht, was ich von dir halten soll?“, knüpfte Dorfer an. „Ich meine, du sagst, du hast auf mich gewartet, legst dich mit einem Pfaffen an, läufst rum wie ein Sandler und behauptest mir helfen zu können. Wer du bist und was willst du?“
Er rückte näher heran, weil er ahnte, dass alle Ohren im Raum soeben größer wurden. Der Wirt beendete seine Wischerei, lehnte sich gegen die Theke und verschränkte die muskulösen, von Tätowierungen übersäten Arme vor seiner breiten Brust. Gegen seine Art wollte Davíd die angeschlagene Psyche des Österreichers nicht überfordern, ihn behutsam an das Unsägliche heranzuführen. Doch Dorfers direkte Frage verlangte eine Änderung seines Vorgehens. Wenn er ehrlich war, hielt er ohnehin nicht viel von taktischem Geplänkel. „Es ist nur ein ganz bescheidener Wunsch“, flüsterte er deshalb. „Bring mich zu dem Vampir!“
Hartmut Dorfer wäre beinahe vom Barhocker gerutscht. Seine Hand, um das Pilsglas gekrallt, begann zu zittern. Die ungesunde Gesichtsfarbe kehrte zurück. Der Nebel, den der Alkohol um sein Hirn gesponnen hatte, schien augenblicklich zu verfliegen. Sein Mund stand ein wenig offen, die Unterlippe zitterte leicht. „Ich will davon nichts hören!“, sagte er scharf, auch wenn er physisch den Eindruck erweckte, jeden Moment einen Herzstillstand zu erleiden. „Das ist Blödsinn!“
„Etwas hat dich in Todesfurcht versetzt, das kannst du nicht leugnen“, konterte Davíd. „Du hast eine Erfahrung im Grenzbereich der Psyche gemacht, bist etwas begegnet, das der gesunde Menschenverstand nicht einzuordnen vermag und daher kategorisch leugnet. Glaube mir, ich kann diese Ablehnung nachvollziehen. Es dauert seine Zeit, bis man bereit ist, sich dem Unsäglichen zu öffnen.“ Niemand weiß das besser als ich, fügte er in Gedanken noch hinzu.
„Hör zu, mein Freund! Nur weil du meinst, du hast hier einen besoffenen Wiener vor dir, brauchst du mir nicht blöde mit irgendwelchem Schmäh daherkommen. Wir mögen ein abergläubiger Schlag sein, ein bisschen trottelig, aber gewiss nicht deppert. Vampir! So ein gesponnener Scheißdreck!“
Dorfer machte dicht. Er war ihn zu forsch angegangen, weil er seine Ungeduld nicht zügeln konnte. Lange genug hatte er mit sich selbst gehadert und jetzt, wo er endlich bereit war, die Existenz der Schattenwelt zu akzeptieren, konnte es ihm nicht schnell genug gehen. Die letzten Widerstände in ihm verlangten den endgültigen Beweis. Die Taktik zu ändern war die einzige Möglichkeit, damit der Österreicher nicht komplett auf stur schaltete. „Warum hat er dich laufen lassen?“
„Womöglich war er schon satt“, erwiderte Dorfer sarkastisch und trank sein Bier leer, ehe er etwas kleinlauter fortfuhr: „Warum sollte er mich nicht wieder gehen lassen. Er braucht mich“, fügte er hinzu und deutete dem Wirt an, ihm ein weiteres Pils zu zapfen.
Davíd schreckte auf und ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er sah zu Seite, weil ihm die heftige Reaktion vor Dorfer geradezu peinlich war. Mit dieser unerwarteten Situation hatte er nicht gerechnet. Die Kreatur der Nacht verfolgte einen Plan mit dem Mann im zerknitterten Anzug. Wenn nicht nur animalische Instinkte und Blutdurst das Handeln des Verfluchten bestimmten, dann hatte er es mit einem besonders gefährlichen Exemplar zu tun. Bahnte sich etwas an, das weit über eine normale Jagd hinausging? Er legte seinen Kopf in die Hände und rieb sich die Augen, als könne er damit die Ehrfurcht vor seiner vor ihm stehenden Aufgabe mindern. Er wusste viel zu wenig über seinen Gegner, aber er besann den alten Schriften, die immer wieder Verschwörung prophezeiten. Die Zwielichtwesen lassen nichts unversucht, um sich gegen die Menschen zu erhebe und aufzubegehren, weil sie ihr Schattendasein leid sind. Seit jeher arbeiten die Jäger darauf hin, dies zu verhindern. Manche von den Blutsaugern sind dabei gewiefter als andere, einige wenige intervenieren mit bestechender Intelligenz. In den Texten werden sie als die Söhne des Lichtbringers bezeichnet. Konnte die Bürde ihn treffen, gleich bei seiner ersten Jagd einem so mächtigen Wesen begegnen zu müssen? Er stand am Anfang, traute sich zu, ein degeneriertes Schattenwesen zu bezwingen. Aber war er einem der großen Anführer gewachsen? Oder war alles doch nur kranke Fantasie?
Bis vor einem knappen Jahr war es das, ein Hirngespinst seines Vaters, der deswegen Zeit seines Lebens nie bei seiner Familie war. Der sein Dasein einer Aufgabe verschrieb, die niemand sonst in seinem Umfeld verstanden hatte. Selbst seine Mutter nicht. Das Erbe seines Erzeugers lastete plötzlich wie eine Tonne Blei auf ihm. Er besaß nichts außer einiger antiquierter Bücher, fragwürdiger Herkunft, und die Handschriften. Zerfledderte, vergilbte Notizen gesammelt in einer verschlissenen Kladde, die ihm sein Vater hinterließ. Zusammengetragene Berichte der Überlebenden, sein Wissen über die Jagd und lückenhafte Niederschriften über die Gegner selbst. Dazu ein paar leise, wirre Worte, die ihm sein alter, kranker Herr zumurmelte, als er an dessen Sterbebett saß. Der ihm Wahn und der Ahnung des nahen Todes von Wesen aus einer Welt jenseits aller Vorstellung berichtete, Abkömmlinge des Teufels, niederträchtige Dämonen, Blutsauger. Wie sollte er dies jemals begreifen?
Er hatte das Krankenhaus kopfschüttelnd verlassen. Er war gerannt. Erst als seine Lungen brannten, hatte er angehalten und sich auf der Brücke wieder gefunden, die in Arriondas über die Sella führt. Dort, in dieser kleinen, unscheinbaren Stadt in Nordspanien, hatte er über die Brüstung gekotzt bis nur noch bittere Galle kam und danach gegen den Regen angeschrieen, der im entgegen schlug. Seitdem ist nahezu ein Jahr vergangen. Lange Monate, in denen er täglich tiefer eingetaucht war, in die Welt hinter dem Spiegel. Einer Welt, die nicht existierte und doch vorhanden war. Eine Konstruktion kranker Fantasien, die ihn gegen seinen Willen immer weiter vereinnahmte, bis er endlich bereit war. Bereit zu glauben, obwohl er lange noch nicht fähig dazu war.
Doch zu allem Übel hatte sich bislang alles bewahrheitet, in den Monaten nach dem Tod seines alten Herrn. Tatsächlich begann es bereits auf der Brücke in Arriondas in ihm zu gären. Schon dort tropften die Worte seines Vaters wie Feuerbälle in seine Seele und schlugen tiefe Krater. Plötzlich fügte sich alles für ihn zusammen. Seine Kindheit, die Flucht seiner Mutter mit ihm nach Deutschland und ihre Anstrengungen, ihn von seinem Vater fern zu halten. Es ergab einen Sinn. Auch wenn sie nicht daran glaubte, was ihr Ehemann tat, wozu er sich berufen fühlte, so reichte ihre die vage Vermutung, dass auch nur ein Funken Wahrheit dahinter verborgen lag dazu aus, ihn für immer von ihrem Mann fortzubringen. Sie wollte ihn beschützen, dass hatte sie immer beteuert. Nicht weiter, nur beschützen. Auch wenn sie ihm nie, bis zu ihrem Tod nicht, erklären konnte wovor.
Nach dem Besuch des kleinen Hospitals in das man seinen Vater eingeliefert hatte, wurde ihm dieses Geheimnis, dass sein Eltern vor ihm hüteten, endlich offenbart. Drei Tag vorher hatte er den Anruf erhalten, in dem man ihm mitteilte, dass man seinen Vater in dessen kargen Behausung in den asturischen Bergen gefunden hatte. Er erhielt keine Auskunft darüber, was seinen Erzeuger dort hin verschlagen hatte, wie lange er dort bereits lebte. Seit Jahren war der Kontakt gänzlich abgebrochen und er haderte einen Tag mit sich, ob er überhaupt dort hinreisen sollte. Asturien, nur eine weitere Nordspanische Provinz, die ihm noch weniger sagte als seine Heimat. Schließlich überwand er seinen Hass gegenüber dem Vater, der nie versucht hatte, zu ihm zurückzukehren. Doch nun hatte er sonst niemanden mehr. Nur noch den Alten.
Es war Sylvester, der letzte Tag des vergangenen Jahres, als er dort eintraf. Kälte und Nebel lag in dem Tal, das der Fluss Sella in dort die Berge gefressen hatte. Die Picos de Europa, ein sagenumwobenes Gebirge, mit dichten Urwäldern in denen Trolle uns Feen hausen und dass Asturien vom Rest von Spanien trennte. Ein treffender Ort, für jemanden, der sich ein Leben lang den Mysterien jenseits des rationellen Verstandes verschrieben hatte. Dort hin hatte es seinen Vater verschlagen.
Er war alt geworden, alt und gezeichnet. Etwas fraß ihn auf, aber niemand konnte sagen, was es war. Die Ärzte einigten sich darauf, dass der greise Mann bereit war zu sterben. Als hätten sie Angst zu hinterfragen, was ihn dahinraffte. Doch vorher verlangte er nach seinem Sohn und Davíd schluckte seinen Stolz hinunter und entsprach diesem Wunsch. Hätte er geahnt, was ihn erwartete, er wäre nicht dorthin gefahren. Nicht der gekränkten Ehre wegen, sondern wegen der Frucht, die ihn danach befiel und die er seither in sich trägt, zusammen mit der Saat des Verderbens.
Der Alte starb noch in derselben Nacht. Er kehrte nach Stunden des Herumirrens ins Krankenhaus zurück, aber es war zu spät. Der Tod war schneller gewesen. Die Trauer hielt sich in Grenzen, nur die Verwirrung blieb. Man übergab ihm die Habseligkeiten seines alten Herrn, darunter den Schlüssel zu dem Haus, das er die letzten Jahre bewohnt hatte. Hoch oben in den Picos, in einem Dorf namens San Juan de Beleño. Dort fand er die Hinterlassenschaft des Jägers. Und er traf den Clown.
Das letzte Zusammentreffen mit seinem Vater und das, was am Tag darauf folgte, änderte sein Leben. Vorher studierte er Journalismus, spielte Basketball und vertreib sich die Zeit mir schönen Frauen, die er mit seinen Augen einfing und mit seinem Charme gefangen hielt. Er konnte sich kaum mehr daran erinnern. Nach den Tagen in Asturien geriet sein Leben auf eine Bahn, die immer weiter in die Dunkelheit führte.
Er brauchte Tage, bis er das Gehörte verdaut, das Vorgefundene realisiert hatte, danach siegte die Neugier. Eine Neugier, die sich zur Obsession steigerte, je weiter er in den Sumpf der Ungeheuerlichkeiten und Geheimnisse eintauchte. Lange Wochen überprüfte er die Aufzeichnungen und Manuskripte, recherchierte Parallelen im Internet, stöberte in Bibliotheken und verstaubten Archiven. Man könnte sagen, er versuchte sich selbst zu bekehren und gleichzeitig eine Erklärung für seine Besessenheit zu finden.
Was er in den Monaten bislang zusammengetragen hatte, war Theorie, darüber war er sich bewusst. Dafür ließ er alles andere hinter sich, sein Studium, die Playoffs, die Frauen. Das Geld, das ihm seine Mutter hinterlassen hatte, würde eine Weile ausreichen, zumindest so lange, bis er Gewissheit hatte. So lange ging nur noch darum, den Weg seines Vaters zu folgen. Nicht nur für die Menschheit, wie es die Edikte der Jäger deklarierten. Das war ein Grund, dessen Tragweite er bisher nicht fassen konnte, der sich nach wie vor weigerte, unter den Horizont seiner Vorstellung zu passen. Nein, er tat es für sich und um dem Glauben zu schenken, dessen sich sein Vater verschrieben hatte, bis in den Tod. Er wollte glauben!
In der gewohnten Art, strich er das Haar aus der Stirn und streckte seinen Rücken durch. Es gab kein zurück. „Bring mich zu ihm!“, verlangte er.
Der Wiener schüttelte den Kopf. „Vergiss es. Lass mich damit in Ruhe!“
Die Wut kam plötzlich. Er spürte das Blut durch seine Adern pochen. Mit einem tiefen Grollen sog er die Luft ein. Seine Muskeln begannen zu schmerzen. Gerade noch konnte er den Impuls unterdrücken, sein Glas gegen die Wand zu werfen und hieb stattdessen mit der Faust auf den Tresen. Der Wirt bekam große Augen und trat einen Schritt von der Zapfanlage zurück. Dorfer hingegen blieb unbeeindruckt. In eine Art Starre verfallen, stierte er in sein leeres Bierglas.
Es kostete ihm enorme Willenskraft, seine Aggression niederzuringen. Keuchend und nach vorne gebeugt umkrampfte er das durchweichte Holz der Theke. Das Haar fiel ihm ins Gesicht, sein Körper bebte. Die Lederjacke umspannte seine breiten Schultern, bis die Nähte knirschten. Seit kurzen trafen ihn diese Wutausbrüche. Unvorbereitet und aus heiterem Himmel durchpflügten sie seinen Körper wie vulkanische Eruptionen, die direkt aus der Hölle kamen. Er schloss die Lider und amtete in den Bauch. Hörte das Rauschen in seinen Ohren und die Schritte des Tätowierten hinter der Bar, der sich leise in die andere Ecke bewegte. Auf dem Weg zum Jäger wird mancher zu einem tollwütigen Hund. Auch das stand in den Sammelsurien seines Vaters. Er ahnte längst, woher dieser rasende Zorn kam.
Nach zehn Sekunden öffnete er seine Augen. Der Österreicher saß immer noch in seiner Andachtshaltung gegen den Tresen gelehnt. Der Wirt jedoch, hielt einen Baseballschläger in seiner fleischigen Pranke. Wie auf ein unsichtbares Zeichen scharrten hinter Davíd die Barhocker über den stumpfen Steinboden. Er musste sich nicht umblicken, um zu wissen, dass die vier Männer von den Spielautomaten mit den rotierenden Scheiben und blinkenden Lichtern abgelassen hatten. Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie sie sich mit gespielter Lässigkeit in der Gaststube postierten, um von drei Seiten angreifen zu können. Die triste Atmosphäre in der Kneipe war etwas anderem gewichen. Schleichend und unterschwellig. Er hätte es bemerken müssen, aber der Zorn betäubte manchmal die sonst so scharfen Sinne. Die lethargischen Zecher, denen bisher nur ein Hauch träger Neugier anhaftete, hatten binnen Kürze eine trügerische Wandlung durchlaufen, als hätte jemand ihre Gedanken vergiftet. War etwas in die Gaststube gedrungen? Ein diabolischer Virus, der durch die geräucherten Wände sickerte, das Blut infizierte und die niederen Instinkte weckte. Der den Teil des menschlichen Gehirns stimulierte, den wir noch immer mit den Raubtieren teilen. Davíd befiel diese seltsame Anwandlung und sie war mächtig, drängte sich in seinen Kopf und ließ keine Zweifel zu, dass genau dies vorgefallen war, in dem Moment, als die aufkeimende Rage seine Aufmerksamkeit vernebelte. Die Schattenwesen besaßen ein ungeahntes Talent darin, Menschen zu manipulieren, um sie für ihre Dienste zu missbrauchen. Womöglich sind sie ihnen bereits näher, als er vermutete?
Er trat einen Schritt von der Bar weg, um die vier Zecher und den Wirt im Blick zu haben. Der feiste Barmann betrachtete ihn abwartend, machte keinerlei Anstalten, seinen Stammgästen Einhalt zu gebieten. Er stand einfach nur da, den Holzknüppel in der Hand. Sekundenlang belauerte Davíd die Kontrahenten. Niemand wagte sich zu bewegen. Er konnte die Aggression riechen, die sich mehr und mehr in der Spelunke aufstaute und die sich wie Gewitterwolken gegen die Holzbohlen an der Decke drückte. Die aufgeladene Atmosphäre stachelte ihn an, als würde die Anfeindung der Personen im Raum ihn Berauschen. Ein unbeschreiblich gutes Gefühl von Überlegenheit wallte durch alle Fasern seines angespannten Körpers. Er raste durch einen Tunnel, an dessen Ende die Luft brannte und wenn er dort heraus brach, würde auch er in Flammen stehen. Dann war der Moment erreicht, an dem er für nichts mehr garantieren konnte. Die Stille vor diesem Feuersturm war so erdrückend, dass selbst Dorfer aus seiner Lethargie erwachte und aufsah. „Eine Runde auf mich“, erklärte er, nachdem er die Lage nicht ohne Irritation erfasst hatte.
Der Wirt hob die buschigen Augenbrauen, tauschte einen konspirativen Blick mit seinen Stammgästen und senkte dann langsam den Baseballschläger. Die Angriffshaltung fiel von den abgerissenen Männern ab und sie wandten sich ungelenk, wie eben erwacht wieder den Glücksspielautomaten zu. Der Funkenschlag, der die leicht entflammbare Luft in der Gaststube zur Explosion bringen sollte, war ausgeblieben. Eine simple Einladung des Österreichers hatte die niederträchtige Suggestion der Schattenkreatur gebrochen. Davíd stand als einziger noch kampfbereit im Raum und musste nun statt der vermeidlichen Angreifer aus Fleisch und Blut, seine Verwirrung niederringen. Täuschte ihn seine Einschätzung. Hatte überhaupt keine Manipulation der Wirtshausgänger stattgefunden? Oder besaß der Wiener eine Gabe, die dem verächtlichen Treiben der Blutsauger Einhalt bot? War es deshalb in ihr Fadenkreuz geraten? Er musste noch soviel lernen und verstehen. Die Bedenken, ob er schon bereit war, sich den Nachkommen des Lichtbringers zu stellen, kehrten zurück. Er blickte an sich hinab und nahm endlich seine Fäuste nach unten. „Danke!“, murmelte er und setzte sich auf den Barhocker neben Dorfer.
„Wer passt hier auf wen auf?“, erwiderte der Österreicher und verzog seinen Mund zu einem kurzen, süffisanten Grinsen. Dann bekam er ein frisches Bier vor die Nase gestellt.
4
Mit Mühe ergatterte sie einen der letzten Parkplätze auf der unteren Etage. Kein Wunder, es war Freitagabend. Wegen der zwei Musicalbühnen, dem Kinokomplex und den zahlreichen Lokalitäten im SI-Erlebniszentrum Stuttgart, waren die Stellflächen um diese Zeit knapp.
Sie klappte die Sonnenblende nach unten und betrachtete sich in dem kleinen Spiegel. Ihre Haare waren eine Katastrophe. Es blieb ihr nichts übrig, als sie zu einem Pferdschwanz zu zähmen, obwohl das Ergebnis sie keineswegs befriedigte. Da sie es immer noch nicht geschafft hatte, wenigstens Make-up, Lippenstift und Wimperntusche in ihren Spind zu deponieren, war sie ungeschminkt aufgebrochen. Ein Umstand, der ihr ebenso wenig behagte, wie der zerzauste, widerspenstige Mob auf ihrem Kopf. Bevor sie hierher gefahren war, hatte sie die Uniform abgelegt. Jetzt trug sie ihre ausgewaschene Jeans, einen labbrigen Pulli und die alte, gefütterte Regenjacke, die nach Pferd stank, weil sie sie auf ihren Ausritten trug. Das einzige Hobby, dass sie sich seit etwa einem Viertel Jahr gönnte, eine Reitbeteiligung, die eigentlich viel zu teuer war. Aber auf dem Rücken eines Pferdes durch die Felder uns Wälder im südlich von Stuttgart zu streifen, war die einzig erschwingliche Flucht, die sie sich überhaupt leisten konnte, um aus ihrem tristen Leben auszubrechen. Das konnte sich ändern, jetzt, wo sie endlich einen Job hatte. Wenn dieser auch schon am fünften Tag entscheidend auf die Probe gestellt wurde. Was würde die Mariella Herzog tun, wenn sie ihren Mann nicht fand? Wäre das bereits ein Kündigungsgrund?
Manchmal fragte sie sich, wohin ihr Selbstvertrauen war, dass sie einst so schnell und zielstrebig voran gebrachte hatte. Sie sollte zuversichtlicher sein, schließlich war sie mal Bulle gewesen. Sie hatte eine Ahnung davon, wie man Leute aufspürte.
Ihre Gedanken waren abgedriftet und als sie nun feststellte, dass sie immer noch in den Spiegel in der Sonnenblende starrte, fielen ihr die zwei wachen Augen auf. Ihre Augen, in denen etwas funkelte, das sie schon eine lange Zeit nicht mehr gesehen hatte. War diese Sonderaufgabe heute Nacht womöglich genau das, was sie gebraucht hatte? Ein weiterer Impuls, der zusätzlichen Auftrieb gab, um ihr verkorkstes Leben wieder in den Griff zu bekommen. „Ich werde dich finden!“, versprach sie ihrem Spiegelbild und der Glanz ihn ihren Pupillen wurde noch einen Hauch deutlicher.
Gleich darauf musste sie sich jedoch eingestehen, dass weder ihr Aussehen noch ihr Outfit waren angemessen für einen Casinobesuch. Aber vielleicht reichte es aus, am Empfang nach Herzog zu fragen?
Eine Reflexion im Spiegel weckte ihre Aufmerksamkeit. Sie blickte sich um, entdeckte aber niemanden. Das Gespräch mit der Schokoladenkönigin hatte sie auf unerklärliche Weise nervös gemacht. Es war lediglich eine Ahnung. Seit sie das Büro der Konzernleiterin verlassen hatte, schwebte dieses nicht fassbare Gefühl über ihr. Gerade war sie sich noch einig, dass sie eine leichte Aufgabe für diese Schich |