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03.09.2010
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Kategorien Fantasy Petra Staufer - Die Legende von Osomyr
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Petra Staufer - Die Legende von Osomyr
Beschreibung:Der sechzehnjährige Taris träumt wie alle Jungs davon, einmal ein großer Held zu werden, doch nie hätte er damit gerechnet, dass er schon bald mit einer Situation konfrontiert wird, die eigentlich nur ein ‚Held’ bewältigen kann.
Doch so leicht lässt sich der Junge nicht abschrecken. Gemeinsam mit dem Findelkind Sharani und dem magischen Buch der Welten macht sich Taris auf, die ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen...

Autor:P.Staufer
Leseprobe:Schweißgebadet wachte Taris auf. Es dauerte einige Sekunden ehe ihm bewusst wurde, dass er sich in seiner Kammer im Haus von Jodenas, dem alten Magier, befand. Der Junge seufzte tief und drehte sich auf die andere Seite. Es war nicht das erste Mal, dass er von einem Alptraum geweckt wurde – leider. In der letzten Zeit passierte das immer häufiger. Auf seltsame Art und Weise ähnelten sich die Träume sogar. Sie endeten alle damit, dass er vor etwas großem, dunklem, extrem furchteinflössendem davonlief. Es kam immer näher und holte ihn schließlich fast ein. Er, Taris, versuchte irgendetwas vor diesem Ding zu verstecken. Was es war, daran konnte er sich im Nachhinein nicht mehr erinnern. Er wusste nur, dass es etwas Wichtiges war. Etwas sehr Wichtiges sogar. Und dieses Etwas, das ihn jagte, wollte es unbedingt haben.
Taris seufzte erneut und überlegte, ob er sich die Decke nochmals über den Kopf ziehen sollte, oder ob er lieber gleich aufstand. Ein  Blick zu dem winzigen Kammerfenster zeigte ihm, dass der Morgen schon dämmerte. Nicht mehr lange und die Sonne würde strahlend hell am Himmel über Guyan stehen. In spätestens einer halben Stunde würde Meister Jodenas verärgert an seine Tür klopfen und ihn einen faulen Langschläfer nennen. Also konnte er genauso gut gleich aufstehen und seinen Lehrer einmal damit überraschen, dass er schon wach war.
Bei diesem Gedanken konnte Taris ein Grinsen nicht ganz unterdrücken. Wenn er sich richtig erinnerte, dann war es in seinen drei Lehrjahren bisher noch nie vorgekommen, dass ihn der alte Magier nicht hatte wecken müssen. Aber konnte man von einem sechzehn Jahre alten Jungen denn wirklich erwarten, dass er bereits mit dem ersten Hahnenschrei putzmunter war?
Selbst sein Vater hatte ihn immer wachrütteln müssen, damit Taris seinen häuslichen Pflichten nachkam und ihm beim Melken half. Lächelnd kehrte Taris in Gedanken zurück zu einem dieser Tage...

„Taris... Taris! Nun wach schon auf du Schlafmütze, oder glaubst du die Krals melken sich von alleine? Steh endlich auf, oder es gibt heute kein Frühstück für dich.“
Der zwölfjährige Junge murmelte eine unwillige Antwort, die sein Vater nicht verstehen konnte und wälzte sich auf die andere Seite.
„Taris, das ist meine letzte Warnung, steh auf!“
Mit einem Ruck zog ihm sein Vater die Decke weg, doch der Junge weigerte sich weiterhin aufzustehen und rollte sich zusammen. „Noch ein paar Minuten, bitte...“, murmelte er und war gleich wieder weggedöst.
„Dir werde ich ein paar Minuten geben“, knurrte sein Vater leicht verärgert und verließ die Schlafkammer. Er ging hinunter in die Stube und rief Falk, den Hund der Familie zu sich.
„Geh, hol das Herrchen, na mach schon. Weck den frechen Lümmel auf.“
Falk, der schon als Welpe zur Familie gekommen und mit Taris aufgewachsen war, gehorchte sofort und lief in die Schlafstube hinauf. Mit Schwung stieß er sich vom Boden ab und landete er auf dem Bett, wo er sofort damit begann Taris hingebungsvoll abzulecken.
Das konnte der Junge nicht länger ignorieren und er hatte alle Mühe, das Tier von sich herabzuschieben und so seiner feuchten Zunge zu entkommen.
„Falk, aus! Runter von mir! Ich steh ja schon auf, du hast ja gewonnen.“
Langsam erhob sich Taris aus seinem Bett und schlurfte zu der Waschschüssel, die sich im  Zimmer befand.
Nachdem er sich flüchtig gewaschen hatte, zog er seine kurzen Hosen an, steckte das Leinenhemd in den Hosenbund und fuhr sich mit gespreizten Fingern ein paar Mal durch das Haar, ehe er sich auf den Weg nach unten zu seinem Vater machte.

Er fand ihn im Stall, wo sein Vater bereits die ersten beiden Krals – sanfte Tiere mit einem rötlich samtigen Fell und einem Horn auf der Stirn – gemolken hatte und nun wortlos auf den zweiten Melkschemel zeigte. Taris band sich ohne zu Murren seine fleckige Schürze um, nahm sich den Schemel und einen Eimer und trat neben das nächste Kral. Er tätschelte den Hals des Tieres, wünschte ihm einen guten Morgen, was sein Vater mit einem Stirnrunzeln quittierte, und machte sich an die Arbeit.
Wortlos arbeiteten beide und die Stille im Stall wurde nur von den Geräuschen der Tiere unterbrochen. Mit der Zeit geriet Taris ins Träumen. ‚Wie schön muss es doch sein’, dachte er bei sich, ‚wenn man sich keine Gedanken über Krals und frühes Aufstehen machen muss. So ein Krieger hat es doch gut. Den ganzen Tag durch die Gegend reiten, ab und zu mal ein paar Kobolde zurückschlagen oder einer schönen Frau aus einer Notlage helfen... Ja, das stelle ich mir schön vor. Abends überlasse ich dann mein Pferd einem Knappen, der es trockenreibt und sich um es kümmert, während ich es mir an einem reich gedeckten Tisch gemütlich mache und nach einem guten Essen und einigen Bechern Wein beruhigt in mein Bett schlüpfen kann.’
Ohne es zu merken wurden Taris’ Melkbewegungen langsamer und hörten irgendwann ganz auf. Mit geschlossenen Augen saß der Junge auf dem Melkschemel und malte sich gerade in den schillerndsten Farben eine Schlacht aus, in der er als tollkühner Held eine hübsche Maid vor ein paar Kobolden rettete, als das Kral ungeduldig wurde und ihn mit einer auffordernden Kopfbewegung gegen die Schulter stieß. Taris schrak aus seinen Träumen hoch, verlor prompt das Gleichgewicht und fiel vom Melkschemel.
„Taris! Kannst du denn nicht aufpassen?“
Halb lachend, halb verärgert stand sein Vater vor ihm und sah tadelnd auf ihn hinab. „Wie willst du denn einmal den Hof übernehmen, wenn du jedes Mal beim Melken einschläfst? Die Krals lachen dich ja aus.“
Beschämt sah Taris zu Boden. „Entschuldige bitte, Vater. Es wird nicht wieder vorkommen.“
„Das hast du mir letzte Woche auch schon versprochen“, seufzte sein Vater und hob den umgefallenen Melkschemel samt Eimer auf. „Nun geh schon. Sammle die Eier ein und bring sie Mutter. Sie wartet bestimmt schon mit dem Frühstück auf dich.“
Geknickt verließ Taris den Stall und tat wie ihm geheißen, ehe er ins Haus zurückging. Er brachte die Eier in die Speisekammer, wo er sie in den großen Korb zu den anderen legte und ging dann zu seiner Mutter in die Küche.
„Guten Morgen.“
„Guten Morgen, Taris. Ist Vater noch im Stall?“ Sie nahm eine Pfanne mit Rührei vom Herd und stellte sie auf den Tisch. Das Brot daneben war noch ganz frisch und duftete verlockend. Taris hätte am liebsten sofort hineingebissen, doch er hielt sich zurück. Schließlich gehörte es sich nicht, mit dem Essen anzufangen, wenn noch nicht alle bei Tisch saßen.
„Er müsste gleich kommen“, antwortete der Junge und fügte verlegen hinzu: „Er wischt nur erst noch die verschüttete Milch auf.“
Seine Mutter seufzte lautlos, sagte aber nichts zu diesem Zwischenfall. Sie kannte ihren Sohn und wusste auch ohne seine ausführliche Beschreibung, dass Taris wieder einmal geträumt hatte. ‚Er ist ja noch ein Kind’, dachte sie bei sich, während sie ihm eine große Portion Rührei auf den Teller häufte. ‚Das legt sich bestimmt, wenn er älter wird.’
„Bist du böse auf mich?“, fragte Taris, dem das Schweigen seiner Mutter nicht sonderlich gefiel.
„Nein, natürlich nicht. Vielleicht etwas enttäuscht, weil du deinen Verpflichtungen wieder einmal nicht nachgekommen bist. Langsam solltest du doch wissen, wie wichtig es ist, dass du kräftig mit anpackst.“
„Ja, das weiß ich. Es tut mir auch leid, Mutter“, sagte Taris zerknirscht. „Ich werde mich ändern, ganz bestimmt.“
„Natürlich wirst du das. Jetzt iss erst einmal. Du weißt doch, dass wir heute mit den Lerts auf die Felder müssen. Die Ernte muss eingebracht werden.“
Taris’ Mutter strich ihm über den Kopf und zerzauste ihm die Haare, was er eigentlich nicht leiden konnte, doch er sagte nichts dazu sondern fiel mit Heißhunger über sein Frühstück her.

Taris seufzte als er daran dachte, wie oft er sich vor kleineren Aufgaben gedrückt hatte. Seine Eltern hatten es wirklich nicht leicht mit ihm gehabt und als  sich dann auch noch herausstellte, dass ihr Sohn magische Kräfte hatte und bei einem Zauberer in die Lehre gehen wollte, war es noch schwerer für sie geworden.
Er war das einzige Kind seiner Eltern, und auch wenn der Hof nicht besonders groß war, so brachte er doch sehr viel Arbeit mit sich. Felder mussten bestellt werden und Tiere waren zu hüten und zu pflegen. Für zwei Personen alleine war dies eine fast unmögliche Aufgabe.
Sein Vater war überhaupt nicht begeistert davon gewesen, seinen Sohn einem Magier zu übergeben, damit er ‚irgendeinen Hokus Pokus oder sonstigen Firlefanz’ lernen konnte. Es wäre ihm viel lieber gewesen, wenn Taris bei ihnen geblieben wäre und alles gelernt hätte, was mit dem Hof zu tun hatte.
Tagelang hatte Taris hatte darum gebettelt, den Magier begleiten zu dürfen. Der Zauberer selbst war der Meinung, es wäre äußerst unvernünftig, ein solches Talent nicht auszubilden, doch erst als Meister Jodenas ein paar Worte mit Taris’ Vater unter vier Augen sprach, hatte dieser schließlich nachgegeben. Was der Magier seinem Vater genau erzählte, hatte der Junge allerdings nie erfahren.
Das war vor drei Jahren gewesen und Taris hatte sich in der Zwischenzeit kaum verändert. Er war immer noch ein Träumer, der sich die tollkühnsten Heldentaten ausdachte, während er über seinen Aufgaben saß. Meister Jodenas hatte sehr viel Wert darauf gelegt, dass der Junge lesen, schreiben und rechnen lernte und gerade letzteres fiel Taris besonders schwer.
Oft genug schweiften seine Gedanken ab, wenn er über einer besonders komplizierten Rechenaufgabe saß und wenn sein Lehrmeister dann nach der Lösung fragte, musste er mit hochroten Ohren zugeben, dass er sie noch nicht gelöst hatte.

Erneut blickte Taris nach draußen und sah, dass sich der Himmel bereits orange färbte. Wenn er seinen Meister tatsächlich überraschen wollte, dann musste er jetzt aufstehen.
Gähnend schlug der Junge die dünne Decke zurück und schwang sich aus dem Bett. Er war recht groß für sein Alter, bestimmt schon einen Meter und siebzig, wirkte dabei aber trotz allem recht schmächtig. Seine Augen waren von einem kräftigen Haselnussbraun und er hatte dichtes, mittelbraunes Haar, das momentan in alle Richtungen abstand. Nachdem Taris sich ausgiebig gestreckt hatte, trat er an den Tisch, goss aus dem bereitstehenden Krug Wasser in die Waschschüssel und tauchte nach kurzem Zögern sein Gesicht darin ein. Das Wasser war eiskalt. Schaudernd schüttelte Taris seinen Kopf und rieb sich sein Gesicht mit dem Ärmel trocken. Ja, nun war er wirklich wach.
Taris beschloss gleich in die Küche zu gehen und zu frühstücken. Auf diese Weise käme er pünktlich und satt zum Unterricht. Also schnappte er sich seine Bücher und seinen braunen Umhang und trat hinaus auf den Gang.
Er stand noch nicht ganz draußen, da stieß er auch schon mit jemandem zusammen.
Taris hörte einen erstickten Aufschrei, fühlte, wie sich jemand an seinen Arm klammerte und verlor dann selbst das Gleichgewicht. Er schaffte es gerade noch, seinen Aufprall am Boden etwas zu dämpfen, indem er sich etwas drehte.
„Sharani!“ Leicht verärgert schob Taris das Mädchen von sich herunter. „Kannst du denn nicht aufpassen? Warum bist du denn so früh schon auf den Beinen?“
Der Junge kannte Sharani seit er zu seinem  Meister gekommen war und er mochte das Mädchen.
Sharani war ein Waisenkind, das man eines Tages in einem Weidenkörbchen auf dem Dorfplatz gefunden hatte. Die Dorfbewohner allerdings fürchteten Sharani. Sie sagten, sie sei kein Mensch, denn sie hatte lange, rabenschwarze Haare und leuchtend grüne Augen, so grün wie das Laub der Bäume im Hochsommer – oder wie die Augen eines Kobolds.
Dieses strahlende Grün hätte sie beinahe das Leben gekostet. Viele Stimmen waren damals laut geworden und wäre Meister Jodenas nicht gewesen, dann hätten die verängstigten Dorfbewohner Sharani einfach im Wald ausgesetzt.
Der alte Zauberer wollte von dem Gerede der Dorfleute allerdings nichts wissen. ‚Jedes Wesen hat ein Recht auf Leben’, so lautete seine Devise. Außerdem war es ja gar nicht bewiesen, dass Sharani tatsächlich ein Koboldmädchen war. Zwar sprachen die dunklen Haare und die grünen Augen dafür, doch Kobolde hatten eine dunkle Hautfarbe und lange, krallenähnliche Fingernägel und das besaß Sharani beides nicht. Ganz im Gegenteil. Sie war so blass als käme sie nie mit dem Sonnenlicht in Berührung. Dabei half sie dem Magier oft genug in seinem Kräutergarten.
Nein, ein richtiger Kobold war sie mit Sicherheit nicht, davon war Taris überzeugt. Außerdem war sie sehr schüchtern und zurückhaltend, wie der Junge immer wieder lächelnd feststellte, und dieses Verhalten passte nun wirklich nicht zu der Angehörigen eines kriegerischen Volks.
„Entschuldige bitte, ich wollte nicht…“
„Schon gut, vergiss es einfach.“ Taris erhob sich und reichte Sharani seine Hand, um ihr aufzuhelfen. Zögernd ergriff sie diese, blickte ihm jedoch nicht in die Augen. Taris seufzte lautlos. Wenn sie doch nur nicht so schüchtern wäre. Vermutlich spürte sie den Hass der Dorfbewohner und fürchtete nun, beim geringsten Fehler hinaus geworfen zu werden.
Dabei war diese Sorge absolut unbegründet. Meister Jodenas hätte so etwas nie getan. Er liebte das Mädchen wie eine eigene Tochter und brachte ihr alles bei, was er über Kräuter und Tiere wusste. Obwohl Sharani erst fünfzehn Jahre alt war – zumindest nahm der alte Magier an, dass sie etwa ein Jahr alt gewesen war, als er sie bei sich aufgenommen hatte – so wusste sie bereits mehr über Heilkunde, als mancher Arzt, und es waren nicht gerade wenige Dörfler, die sie oder Meister Jodenas bei Krankheiten um Rat fragten.

Taris lächelte Sharani aufmunternd zu. „Es ist wirklich nichts passiert, Sharani. Ich hoffe, du hast dir bei dem Sturz nicht weh getan.“
Als sie den Kopf schüttelte, setzte er noch hinzu: „Hast du das Frühstück schon fertig? Oder kann ich dir damit helfen?“ Er bückte sich und sammelte seine verstreuten Bücher wieder ein.
„Du brauchst mir nicht zu helfen, Taris. Es ist schon fertig. Du kannst gleich essen, wenn du willst.“
Sie lächelte ihn scheu an und ging dann voraus. Der Zauberlehrling folgte dem Mädchen schweigend hinunter in die Küche. Sharani brachte ihm sein Frühstück – Haferbrei, Brot, Käse und Milch – ehe sie lautlos wieder verschwand. Taris blickte ihr noch kurz nach, schüttelte leicht den Kopf und fragte sich insgeheim, warum sie gleich wieder ging, anstatt ihm Gesellschaft zu leisten und was sie wohl in aller Frühe im Dachgeschoss des Hauses gesucht hatte. Doch da sich in diesem Moment sein Magen laut knurrend meldete, vergaß er den kleinen Zusammenstoß schnell.

Ganz in sein Lehrbuch vertieft, löffelte Taris seinen Haferbrei. Er wollte unbedingt noch einmal die Grundsätze der Telekinese durchgehen. Das Prinzip hatte er ja mittlerweile begriffen. Zugegeben, es war – wenn man es erst einmal verinnerlicht hatte – nicht besonders schwer. Man brauchte sich nur auf den zu bewegenden Gegenstand zu konzentrieren, seine Form und sein Gewicht zu ‚spüren’ und ihn dann ganz langsam, nur mittels der Vorstellungskraft, anzuheben.
Taris beschloss, das Ganze noch einmal zu üben. Er konzentrierte sich auf den Milchkrug, der vor ihm auf dem Tisch stand.
Nach einer Weile hatte er den irdenen Krug mit seinen Gedanken erfasst. Er fühlte die glatte Oberfläche des glasierten Tons, sein Gewicht, den winzigen Sprung am Rand, ja sogar jeden einzelnen Tropfen der Milch. Es war fast so, als hätte er ihn in der Hand. Langsam, ganz langsam versuchte er nun, den Krug ein kleines Stück anzuheben. Es gelang ihm auch tatsächlich und nun schwebte das Gefäß eine gute Handbreit über der Tischplatte. Nicht ein Tropfen der Milch war verschüttet.
Taris überlegte gerade, ob er den Krug zum Regal hinüberschweben lassen sollte, als er ein leises Geräusch vernahm. Er war nur eine winzige Sekunde lang abgelenkt, doch diese eine Sekunde hatte schon ausgereicht, um den Zauber zu brechen.
Der Krug fiel zurück auf den Tisch. Da ihn Taris aber schon ein kleines Stück in Richtung Regal hatte schweben lassen, kam er zu dicht an der Tischkante auf, kippte bedrohlich und als ihn der Junge mit einer raschen Handbewegung greifen wollte, stieß er das Gefäß versehentlich ganz hinunter. Mit lautem Klirren zerschellte der Krug am Boden und die Milch spritzte in alle Richtungen.
„Mir scheint, wir müssen noch etwas an deiner Konzentration arbeiten“, hörte Taris eine leise Stimme hinter sich.
Betreten drehte er sich um und senkte den Kopf. „Es tut mir leid, Meister. Ich werde es sofort wieder aufwischen.“
Der alte Magier lächelte jedoch nur, hob beschwörend seine Hand und sofort schien sich alles umzukehren. Die Tonscherben fügten sich wieder zusammen und gleich darauf stand der Krug wieder unversehrt auf dem Tisch. Sogar die verschüttete Milch war wieder an ihren alten Platz zurückgekehrt.
Fasziniert hatte Taris zugesehen. Es war nicht das erste Mal, dass sein Lehrmeister die Zeit rückwärts laufen ließ, um einen Fehler seines Schülers wieder auszubügeln, aber es war immer wieder faszinierend. Hoffentlich würde ihm Meister Jodenas diesen Zauber bald lehren.
„Hab noch etwas Geduld, Taris. Noch bist du nicht soweit.“ Die braunen Augen des weisen Zauberers schienen mühelos in den Kopf des Jungen einzudringen und dessen Gedanken zu lesen. „Nun komm, wir sollten endlich mit dem Unterricht beginnen. Die Grundbegriffe der Telekinese scheinst du ja verstanden zu haben. Nun möchte ich gerne sehen, wie es mit der Teleportation klappt.“
Der weißhaarige Magier bedeutete Taris mit einer Geste seiner faltigen Hand, dass er vorausgehen solle.

Manuskript Umfang:256 Seiten
Bemerkungen:Kontakt zum Autor aufnehmen
Datum:2006-05-04 00:00:00
Hits:1351
Bewertung:8,17 (112 Votes)
Autor:P.Staufer

Text bewerten
1 (Schlecht)10 (Gut)

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RobertKommentar hinzugefügt am: Mi 10 Mai 2006 12:37:12 CEST
Ein Lob für diesen stimmungsvollen Text.Wann gibt es mehr davon?
GreenleafKommentar hinzugefügt am: Mi 10 Mai 2006 19:47:56 CEST
Überraschenderweise gefällt mir der Text, obwohl ich nach der Kurzbeschreibung keine besonderen Erwartungen hatte.
KasumiKommentar hinzugefügt am: Mo 15 Mai 2006 12:12:11 CEST
Nichts Neues an der Fantasy-Front.
walterKommentar hinzugefügt am: Do 09 Aug 2007 11:04:25 CEST
Sprachlich sehr schön, sehr gefühlvoll, ich konnte gut mit Taris, dem Träumer, mitleben. Volle Punkte.
rosaKommentar hinzugefügt am: Do 09 Aug 2007 19:37:29 CEST
Danke Walter für dein Mail, dass du mich auf diese Story aufmerksam gemacht hast! Ist wirklich sehr schön zu lesen!
ZabanjaKommentar hinzugefügt am: Mo 20 Aug 2007 16:40:08 CEST
Oh, hatte nicht damit gerechnet, dass da nochmal Kommentare zu kommen. Freut mich aber, wenns gefällt. Auch wenns bislang wohl leider die Verlage anders sehen.
Trotzdem vielen Dank für das Lob, so geb ich wenigstens nicht auf.
InkaKommentar hinzugefügt am: Do 06 Sep 2007 11:57:55 CEST
Ich finde, diese Geschichte hat eine bessere Bewertung verdient. Sie ist schlüssig, spannend, wenngleich manches nicht völlig neu ist (kann man das Rad immer wieder neu erfinden?), so ist es doch anders "verpackt und kombiniert". Mir gefällts.
InkaKommentar hinzugefügt am: Sa 06 Okt 2007 13:40:46 CEST
Ich muss Kasumi widersprechen: durchaus Neues an der Fantasy-Front. Ich wüsste nicht, wo dieses "Buch der Welten" schon einmal vorgekommen ist. – Ich danke dir für dein Vertrauen, Petra, dass ich das ganze Manuskript lesen durfte. Es ist fesselnd, die Charaktere sind in sich stimmig, die Helden Taris und Sharani überaus liebenswert. Alles in allem eine wunderschöne Geschichte.
InkaKommentar hinzugefügt am: Mo 18 Mai 2009 22:45:16 CEST
Herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung, liebe Petra, und ich bin gespannt,deine Endfassung zu lesen! LG Inka
ZabanjaKommentar hinzugefügt am: Fr 05 Jun 2009 18:31:15 CEST
Danke, Inka. Ich hoffe es gefällt dir jetzt immer noch.
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