Der sechzehnjährige Taris träumt wie alle Jungs davon, einmal ein
großer Held zu werden, doch nie hätte er damit gerechnet, dass er schon
bald mit einer Situation konfrontiert wird, die eigentlich nur ein
‚Held’ bewältigen kann.
Doch so leicht lässt sich der Junge nicht abschrecken. Gemeinsam mit
dem Findelkind Sharani und dem magischen Buch der Welten macht sich
Taris auf, die ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen...
Autor:
P.Staufer
Leseprobe:
Schweißgebadet wachte Taris auf. Es dauerte einige Sekunden ehe ihm
bewusst wurde, dass er sich in seiner Kammer im Haus von Jodenas, dem
alten Magier, befand. Der Junge seufzte tief und drehte sich auf die
andere Seite. Es war nicht das erste Mal, dass er von einem Alptraum
geweckt wurde – leider. In der letzten Zeit passierte das immer
häufiger. Auf seltsame Art und Weise ähnelten sich die Träume sogar.
Sie endeten alle damit, dass er vor etwas großem, dunklem, extrem
furchteinflössendem davonlief. Es kam immer näher und holte ihn
schließlich fast ein. Er, Taris, versuchte irgendetwas vor diesem Ding
zu verstecken. Was es war, daran konnte er sich im Nachhinein nicht
mehr erinnern. Er wusste nur, dass es etwas Wichtiges war. Etwas sehr
Wichtiges sogar. Und dieses Etwas, das ihn jagte, wollte es unbedingt
haben.
Taris seufzte erneut und überlegte, ob er sich die Decke nochmals über
den Kopf ziehen sollte, oder ob er lieber gleich aufstand. Ein
Blick zu dem winzigen Kammerfenster zeigte ihm, dass der Morgen schon
dämmerte. Nicht mehr lange und die Sonne würde strahlend hell am Himmel
über Guyan stehen. In spätestens einer halben Stunde würde Meister
Jodenas verärgert an seine Tür klopfen und ihn einen faulen
Langschläfer nennen. Also konnte er genauso gut gleich aufstehen und
seinen Lehrer einmal damit überraschen, dass er schon wach war.
Bei diesem Gedanken konnte Taris ein Grinsen nicht ganz unterdrücken.
Wenn er sich richtig erinnerte, dann war es in seinen drei Lehrjahren
bisher noch nie vorgekommen, dass ihn der alte Magier nicht hatte
wecken müssen. Aber konnte man von einem sechzehn Jahre alten Jungen
denn wirklich erwarten, dass er bereits mit dem ersten Hahnenschrei
putzmunter war?
Selbst sein Vater hatte ihn immer wachrütteln müssen, damit Taris
seinen häuslichen Pflichten nachkam und ihm beim Melken half. Lächelnd
kehrte Taris in Gedanken zurück zu einem dieser Tage...
„Taris... Taris! Nun wach schon auf du Schlafmütze, oder glaubst du die
Krals melken sich von alleine? Steh endlich auf, oder es gibt heute
kein Frühstück für dich.“
Der zwölfjährige Junge murmelte eine unwillige Antwort, die sein Vater
nicht verstehen konnte und wälzte sich auf die andere Seite.
„Taris, das ist meine letzte Warnung, steh auf!“
Mit einem Ruck zog ihm sein Vater die Decke weg, doch der Junge
weigerte sich weiterhin aufzustehen und rollte sich zusammen. „Noch ein
paar Minuten, bitte...“, murmelte er und war gleich wieder weggedöst.
„Dir werde ich ein paar Minuten geben“, knurrte sein Vater leicht
verärgert und verließ die Schlafkammer. Er ging hinunter in die Stube
und rief Falk, den Hund der Familie zu sich.
„Geh, hol das Herrchen, na mach schon. Weck den frechen Lümmel auf.“
Falk, der schon als Welpe zur Familie gekommen und mit Taris
aufgewachsen war, gehorchte sofort und lief in die Schlafstube hinauf.
Mit Schwung stieß er sich vom Boden ab und landete er auf dem Bett, wo
er sofort damit begann Taris hingebungsvoll abzulecken.
Das konnte der Junge nicht länger ignorieren und er hatte alle Mühe,
das Tier von sich herabzuschieben und so seiner feuchten Zunge zu
entkommen.
„Falk, aus! Runter von mir! Ich steh ja schon auf, du hast ja gewonnen.“
Langsam erhob sich Taris aus seinem Bett und schlurfte zu der Waschschüssel, die sich im Zimmer befand.
Nachdem er sich flüchtig gewaschen hatte, zog er seine kurzen Hosen an,
steckte das Leinenhemd in den Hosenbund und fuhr sich mit gespreizten
Fingern ein paar Mal durch das Haar, ehe er sich auf den Weg nach unten
zu seinem Vater machte.
Er fand ihn im Stall, wo sein Vater bereits die ersten beiden Krals –
sanfte Tiere mit einem rötlich samtigen Fell und einem Horn auf der
Stirn – gemolken hatte und nun wortlos auf den zweiten Melkschemel
zeigte. Taris band sich ohne zu Murren seine fleckige Schürze um, nahm
sich den Schemel und einen Eimer und trat neben das nächste Kral. Er
tätschelte den Hals des Tieres, wünschte ihm einen guten Morgen, was
sein Vater mit einem Stirnrunzeln quittierte, und machte sich an die
Arbeit.
Wortlos arbeiteten beide und die Stille im Stall wurde nur von den
Geräuschen der Tiere unterbrochen. Mit der Zeit geriet Taris ins
Träumen. ‚Wie schön muss es doch sein’, dachte er bei sich, ‚wenn man
sich keine Gedanken über Krals und frühes Aufstehen machen muss. So ein
Krieger hat es doch gut. Den ganzen Tag durch die Gegend reiten, ab und
zu mal ein paar Kobolde zurückschlagen oder einer schönen Frau aus
einer Notlage helfen... Ja, das stelle ich mir schön vor. Abends
überlasse ich dann mein Pferd einem Knappen, der es trockenreibt und
sich um es kümmert, während ich es mir an einem reich gedeckten Tisch
gemütlich mache und nach einem guten Essen und einigen Bechern Wein
beruhigt in mein Bett schlüpfen kann.’
Ohne es zu merken wurden Taris’ Melkbewegungen langsamer und hörten
irgendwann ganz auf. Mit geschlossenen Augen saß der Junge auf dem
Melkschemel und malte sich gerade in den schillerndsten Farben eine
Schlacht aus, in der er als tollkühner Held eine hübsche Maid vor ein
paar Kobolden rettete, als das Kral ungeduldig wurde und ihn mit einer
auffordernden Kopfbewegung gegen die Schulter stieß. Taris schrak aus
seinen Träumen hoch, verlor prompt das Gleichgewicht und fiel vom
Melkschemel.
„Taris! Kannst du denn nicht aufpassen?“
Halb lachend, halb verärgert stand sein Vater vor ihm und sah tadelnd
auf ihn hinab. „Wie willst du denn einmal den Hof übernehmen, wenn du
jedes Mal beim Melken einschläfst? Die Krals lachen dich ja aus.“
Beschämt sah Taris zu Boden. „Entschuldige bitte, Vater. Es wird nicht wieder vorkommen.“
„Das hast du mir letzte Woche auch schon versprochen“, seufzte sein
Vater und hob den umgefallenen Melkschemel samt Eimer auf. „Nun geh
schon. Sammle die Eier ein und bring sie Mutter. Sie wartet bestimmt
schon mit dem Frühstück auf dich.“
Geknickt verließ Taris den Stall und tat wie ihm geheißen, ehe er ins
Haus zurückging. Er brachte die Eier in die Speisekammer, wo er sie in
den großen Korb zu den anderen legte und ging dann zu seiner Mutter in
die Küche.
„Guten Morgen.“
„Guten Morgen, Taris. Ist Vater noch im Stall?“ Sie nahm eine Pfanne
mit Rührei vom Herd und stellte sie auf den Tisch. Das Brot daneben war
noch ganz frisch und duftete verlockend. Taris hätte am liebsten sofort
hineingebissen, doch er hielt sich zurück. Schließlich gehörte es sich
nicht, mit dem Essen anzufangen, wenn noch nicht alle bei Tisch saßen.
„Er müsste gleich kommen“, antwortete der Junge und fügte verlegen hinzu: „Er wischt nur erst noch die verschüttete Milch auf.“
Seine Mutter seufzte lautlos, sagte aber nichts zu diesem Zwischenfall.
Sie kannte ihren Sohn und wusste auch ohne seine ausführliche
Beschreibung, dass Taris wieder einmal geträumt hatte. ‚Er ist ja noch
ein Kind’, dachte sie bei sich, während sie ihm eine große Portion
Rührei auf den Teller häufte. ‚Das legt sich bestimmt, wenn er älter
wird.’
„Bist du böse auf mich?“, fragte Taris, dem das Schweigen seiner Mutter nicht sonderlich gefiel.
„Nein, natürlich nicht. Vielleicht etwas enttäuscht, weil du deinen
Verpflichtungen wieder einmal nicht nachgekommen bist. Langsam solltest
du doch wissen, wie wichtig es ist, dass du kräftig mit anpackst.“
„Ja, das weiß ich. Es tut mir auch leid, Mutter“, sagte Taris zerknirscht. „Ich werde mich ändern, ganz bestimmt.“
„Natürlich wirst du das. Jetzt iss erst einmal. Du weißt doch, dass wir
heute mit den Lerts auf die Felder müssen. Die Ernte muss eingebracht
werden.“
Taris’ Mutter strich ihm über den Kopf und zerzauste ihm die Haare, was
er eigentlich nicht leiden konnte, doch er sagte nichts dazu sondern
fiel mit Heißhunger über sein Frühstück her.
Taris seufzte als er daran dachte, wie oft er sich vor kleineren
Aufgaben gedrückt hatte. Seine Eltern hatten es wirklich nicht leicht
mit ihm gehabt und als sich dann auch noch herausstellte, dass
ihr Sohn magische Kräfte hatte und bei einem Zauberer in die Lehre
gehen wollte, war es noch schwerer für sie geworden.
Er war das einzige Kind seiner Eltern, und auch wenn der Hof nicht
besonders groß war, so brachte er doch sehr viel Arbeit mit sich.
Felder mussten bestellt werden und Tiere waren zu hüten und zu pflegen.
Für zwei Personen alleine war dies eine fast unmögliche Aufgabe.
Sein Vater war überhaupt nicht begeistert davon gewesen, seinen Sohn
einem Magier zu übergeben, damit er ‚irgendeinen Hokus Pokus oder
sonstigen Firlefanz’ lernen konnte. Es wäre ihm viel lieber gewesen,
wenn Taris bei ihnen geblieben wäre und alles gelernt hätte, was mit
dem Hof zu tun hatte.
Tagelang hatte Taris hatte darum gebettelt, den Magier begleiten zu
dürfen. Der Zauberer selbst war der Meinung, es wäre äußerst
unvernünftig, ein solches Talent nicht auszubilden, doch erst als
Meister Jodenas ein paar Worte mit Taris’ Vater unter vier Augen
sprach, hatte dieser schließlich nachgegeben. Was der Magier seinem
Vater genau erzählte, hatte der Junge allerdings nie erfahren.
Das war vor drei Jahren gewesen und Taris hatte sich in der
Zwischenzeit kaum verändert. Er war immer noch ein Träumer, der sich
die tollkühnsten Heldentaten ausdachte, während er über seinen Aufgaben
saß. Meister Jodenas hatte sehr viel Wert darauf gelegt, dass der Junge
lesen, schreiben und rechnen lernte und gerade letzteres fiel Taris
besonders schwer.
Oft genug schweiften seine Gedanken ab, wenn er über einer besonders
komplizierten Rechenaufgabe saß und wenn sein Lehrmeister dann nach der
Lösung fragte, musste er mit hochroten Ohren zugeben, dass er sie noch
nicht gelöst hatte.
Erneut blickte Taris nach draußen und sah, dass sich der Himmel bereits
orange färbte. Wenn er seinen Meister tatsächlich überraschen wollte,
dann musste er jetzt aufstehen.
Gähnend schlug der Junge die dünne Decke zurück und schwang sich aus
dem Bett. Er war recht groß für sein Alter, bestimmt schon einen Meter
und siebzig, wirkte dabei aber trotz allem recht schmächtig. Seine
Augen waren von einem kräftigen Haselnussbraun und er hatte dichtes,
mittelbraunes Haar, das momentan in alle Richtungen abstand. Nachdem
Taris sich ausgiebig gestreckt hatte, trat er an den Tisch, goss aus
dem bereitstehenden Krug Wasser in die Waschschüssel und tauchte nach
kurzem Zögern sein Gesicht darin ein. Das Wasser war eiskalt.
Schaudernd schüttelte Taris seinen Kopf und rieb sich sein Gesicht mit
dem Ärmel trocken. Ja, nun war er wirklich wach.
Taris beschloss gleich in die Küche zu gehen und zu frühstücken. Auf
diese Weise käme er pünktlich und satt zum Unterricht. Also schnappte
er sich seine Bücher und seinen braunen Umhang und trat hinaus auf den
Gang.
Er stand noch nicht ganz draußen, da stieß er auch schon mit jemandem zusammen.
Taris hörte einen erstickten Aufschrei, fühlte, wie sich jemand an
seinen Arm klammerte und verlor dann selbst das Gleichgewicht. Er
schaffte es gerade noch, seinen Aufprall am Boden etwas zu dämpfen,
indem er sich etwas drehte.
„Sharani!“ Leicht verärgert schob Taris das Mädchen von sich herunter.
„Kannst du denn nicht aufpassen? Warum bist du denn so früh schon auf
den Beinen?“
Der Junge kannte Sharani seit er zu seinem Meister gekommen war und er mochte das Mädchen.
Sharani war ein Waisenkind, das man eines Tages in einem Weidenkörbchen
auf dem Dorfplatz gefunden hatte. Die Dorfbewohner allerdings
fürchteten Sharani. Sie sagten, sie sei kein Mensch, denn sie hatte
lange, rabenschwarze Haare und leuchtend grüne Augen, so grün wie das
Laub der Bäume im Hochsommer – oder wie die Augen eines Kobolds.
Dieses strahlende Grün hätte sie beinahe das Leben gekostet. Viele
Stimmen waren damals laut geworden und wäre Meister Jodenas nicht
gewesen, dann hätten die verängstigten Dorfbewohner Sharani einfach im
Wald ausgesetzt.
Der alte Zauberer wollte von dem Gerede der Dorfleute allerdings nichts
wissen. ‚Jedes Wesen hat ein Recht auf Leben’, so lautete seine Devise.
Außerdem war es ja gar nicht bewiesen, dass Sharani tatsächlich ein
Koboldmädchen war. Zwar sprachen die dunklen Haare und die grünen Augen
dafür, doch Kobolde hatten eine dunkle Hautfarbe und lange,
krallenähnliche Fingernägel und das besaß Sharani beides nicht. Ganz im
Gegenteil. Sie war so blass als käme sie nie mit dem Sonnenlicht in
Berührung. Dabei half sie dem Magier oft genug in seinem Kräutergarten.
Nein, ein richtiger Kobold war sie mit Sicherheit nicht, davon war
Taris überzeugt. Außerdem war sie sehr schüchtern und zurückhaltend,
wie der Junge immer wieder lächelnd feststellte, und dieses Verhalten
passte nun wirklich nicht zu der Angehörigen eines kriegerischen Volks.
„Entschuldige bitte, ich wollte nicht…“
„Schon gut, vergiss es einfach.“ Taris erhob sich und reichte Sharani
seine Hand, um ihr aufzuhelfen. Zögernd ergriff sie diese, blickte ihm
jedoch nicht in die Augen. Taris seufzte lautlos. Wenn sie doch nur
nicht so schüchtern wäre. Vermutlich spürte sie den Hass der
Dorfbewohner und fürchtete nun, beim geringsten Fehler hinaus geworfen
zu werden.
Dabei war diese Sorge absolut unbegründet. Meister Jodenas hätte so
etwas nie getan. Er liebte das Mädchen wie eine eigene Tochter und
brachte ihr alles bei, was er über Kräuter und Tiere wusste. Obwohl
Sharani erst fünfzehn Jahre alt war – zumindest nahm der alte Magier
an, dass sie etwa ein Jahr alt gewesen war, als er sie bei sich
aufgenommen hatte – so wusste sie bereits mehr über Heilkunde, als
mancher Arzt, und es waren nicht gerade wenige Dörfler, die sie oder
Meister Jodenas bei Krankheiten um Rat fragten.
Taris lächelte Sharani aufmunternd zu. „Es ist wirklich nichts
passiert, Sharani. Ich hoffe, du hast dir bei dem Sturz nicht weh
getan.“
Als sie den Kopf schüttelte, setzte er noch hinzu: „Hast du das
Frühstück schon fertig? Oder kann ich dir damit helfen?“ Er bückte sich
und sammelte seine verstreuten Bücher wieder ein.
„Du brauchst mir nicht zu helfen, Taris. Es ist schon fertig. Du kannst gleich essen, wenn du willst.“
Sie lächelte ihn scheu an und ging dann voraus. Der Zauberlehrling
folgte dem Mädchen schweigend hinunter in die Küche. Sharani brachte
ihm sein Frühstück – Haferbrei, Brot, Käse und Milch – ehe sie lautlos
wieder verschwand. Taris blickte ihr noch kurz nach, schüttelte leicht
den Kopf und fragte sich insgeheim, warum sie gleich wieder ging,
anstatt ihm Gesellschaft zu leisten und was sie wohl in aller Frühe im
Dachgeschoss des Hauses gesucht hatte. Doch da sich in diesem Moment
sein Magen laut knurrend meldete, vergaß er den kleinen Zusammenstoß
schnell.
Ganz in sein Lehrbuch vertieft, löffelte Taris seinen Haferbrei. Er
wollte unbedingt noch einmal die Grundsätze der Telekinese durchgehen.
Das Prinzip hatte er ja mittlerweile begriffen. Zugegeben, es war –
wenn man es erst einmal verinnerlicht hatte – nicht besonders schwer.
Man brauchte sich nur auf den zu bewegenden Gegenstand zu
konzentrieren, seine Form und sein Gewicht zu ‚spüren’ und ihn dann
ganz langsam, nur mittels der Vorstellungskraft, anzuheben.
Taris beschloss, das Ganze noch einmal zu üben. Er konzentrierte sich auf den Milchkrug, der vor ihm auf dem Tisch stand.
Nach einer Weile hatte er den irdenen Krug mit seinen Gedanken erfasst.
Er fühlte die glatte Oberfläche des glasierten Tons, sein Gewicht, den
winzigen Sprung am Rand, ja sogar jeden einzelnen Tropfen der Milch. Es
war fast so, als hätte er ihn in der Hand. Langsam, ganz langsam
versuchte er nun, den Krug ein kleines Stück anzuheben. Es gelang ihm
auch tatsächlich und nun schwebte das Gefäß eine gute Handbreit über
der Tischplatte. Nicht ein Tropfen der Milch war verschüttet.
Taris überlegte gerade, ob er den Krug zum Regal hinüberschweben lassen
sollte, als er ein leises Geräusch vernahm. Er war nur eine winzige
Sekunde lang abgelenkt, doch diese eine Sekunde hatte schon
ausgereicht, um den Zauber zu brechen.
Der Krug fiel zurück auf den Tisch. Da ihn Taris aber schon ein kleines
Stück in Richtung Regal hatte schweben lassen, kam er zu dicht an der
Tischkante auf, kippte bedrohlich und als ihn der Junge mit einer
raschen Handbewegung greifen wollte, stieß er das Gefäß versehentlich
ganz hinunter. Mit lautem Klirren zerschellte der Krug am Boden und die
Milch spritzte in alle Richtungen.
„Mir scheint, wir müssen noch etwas an deiner Konzentration arbeiten“, hörte Taris eine leise Stimme hinter sich.
Betreten drehte er sich um und senkte den Kopf. „Es tut mir leid, Meister. Ich werde es sofort wieder aufwischen.“
Der alte Magier lächelte jedoch nur, hob beschwörend seine Hand und
sofort schien sich alles umzukehren. Die Tonscherben fügten sich wieder
zusammen und gleich darauf stand der Krug wieder unversehrt auf dem
Tisch. Sogar die verschüttete Milch war wieder an ihren alten Platz
zurückgekehrt.
Fasziniert hatte Taris zugesehen. Es war nicht das erste Mal, dass sein
Lehrmeister die Zeit rückwärts laufen ließ, um einen Fehler seines
Schülers wieder auszubügeln, aber es war immer wieder faszinierend.
Hoffentlich würde ihm Meister Jodenas diesen Zauber bald lehren.
„Hab noch etwas Geduld, Taris. Noch bist du nicht soweit.“ Die braunen
Augen des weisen Zauberers schienen mühelos in den Kopf des Jungen
einzudringen und dessen Gedanken zu lesen. „Nun komm, wir sollten
endlich mit dem Unterricht beginnen. Die Grundbegriffe der Telekinese
scheinst du ja verstanden zu haben. Nun möchte ich gerne sehen, wie es
mit der Teleportation klappt.“
Der weißhaarige Magier bedeutete Taris mit einer Geste seiner faltigen Hand, dass er vorausgehen solle.
Kommentar hinzugefügt am: Mi 10 Mai 2006 12:37:12 CESTEin Lob für diesen stimmungsvollen Text.Wann gibt es mehr davon?
Greenleaf
Kommentar hinzugefügt am: Mi 10 Mai 2006 19:47:56 CESTÜberraschenderweise gefällt mir der Text, obwohl ich nach der Kurzbeschreibung keine besonderen Erwartungen hatte.
Kasumi
Kommentar hinzugefügt am: Mo 15 Mai 2006 12:12:11 CESTNichts Neues an der Fantasy-Front.
walter
Kommentar hinzugefügt am: Do 09 Aug 2007 11:04:25 CESTSprachlich sehr schön, sehr gefühlvoll, ich konnte gut mit Taris, dem Träumer, mitleben. Volle Punkte.
rosa
Kommentar hinzugefügt am: Do 09 Aug 2007 19:37:29 CESTDanke Walter für dein Mail, dass du mich auf diese Story aufmerksam gemacht hast! Ist wirklich sehr schön zu lesen!
Zabanja
Kommentar hinzugefügt am: Mo 20 Aug 2007 16:40:08 CESTOh, hatte nicht damit gerechnet, dass da nochmal Kommentare zu kommen. Freut mich aber, wenns gefällt. Auch wenns bislang wohl leider die Verlage anders sehen.
Trotzdem vielen Dank für das Lob, so geb ich wenigstens nicht auf.
Inka
Kommentar hinzugefügt am: Do 06 Sep 2007 11:57:55 CESTIch finde, diese Geschichte hat eine bessere Bewertung verdient. Sie ist schlüssig, spannend, wenngleich manches nicht völlig neu ist (kann man das Rad immer wieder neu erfinden?), so ist es doch anders "verpackt und kombiniert". Mir gefällts.
Inka
Kommentar hinzugefügt am: Sa 06 Okt 2007 13:40:46 CESTIch muss Kasumi widersprechen: durchaus Neues an der Fantasy-Front. Ich wüsste nicht, wo dieses "Buch der Welten" schon einmal vorgekommen ist. – Ich danke dir für dein Vertrauen, Petra, dass ich das ganze Manuskript lesen durfte. Es ist fesselnd, die Charaktere sind in sich stimmig, die Helden Taris und Sharani überaus liebenswert. Alles in allem eine wunderschöne Geschichte.
Inka
Kommentar hinzugefügt am: Mo 18 Mai 2009 22:45:16 CESTHerzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung, liebe Petra, und ich bin gespannt,deine Endfassung zu lesen! LG Inka
Zabanja
Kommentar hinzugefügt am: Fr 05 Jun 2009 18:31:15 CESTDanke, Inka. Ich hoffe es gefällt dir jetzt immer noch.
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