| Leseprobe: | Das Lied des Schattens - Kapitel 1
„Runenkunde und Zaubersprüche –
so ein Unsinn,“ murmelte Tenan. Missmutig stapfte er durch die Pfützen
des schlammigen Weges und zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. Der Wind
trieb den Regen wie einen grauen Vorhang vor sich her. Schon seit
Wochen schüttete es unablässig. Ein gutes Wetter für die Comori, ohne
Zweifel. Die Geschäfte der Wasserzauberer liefen gut. Aber was kümmerte
das Tenan? Er empfand es unter seiner Würde, mit Zaubersprüchen die
nassen Kleider anderer Leute trocknen zu müssen. Doch damit verdienten
die Comori nun mal ihren Lebensunterhalt. Und er, Tenan, stand bei
einem von ihnen in Ausbildung. Er musste tun, was sein Meister von ihm
verlangte. Und dazu gehörte auch der Unterricht in der Kunst der
Kleinen Magie. Wenn der Meister rief, musste er folgen.
So wie jetzt.
Er hatte die windschiefe Hütte erreicht.
Der Türstock war so niedrig, dass Tenan gebückt durch den Eingang
hindurchschlüpfen musste. Es kam ihm vor, als beuge er den Kopf unter
dem Joch eines vorbestimmten Schicksals. Er trat in die kleine Stube,
die ihm so beengt wie sein Leben erschien. Tenan war erst siebzehn
Jahre alt, doch er war groß für sein Alter. Er trug die dichten,
dunklen Haare halblang, wie es Sitte war; sie wurden von einem dünnen,
silbernen Stirnband gehalten. Seine Haut war sonnenverbrannt, um die
Nase hatte er vorwitzige Sommersprossen. Seine silbernen Augen
leuchteten im flackernden Licht der Kerzen.
Er trug unter dem
weiten Mantel ein grobes Leinenhemd von hellbrauner Farbe, das von
einem breiten Gürtel gehalten wurde, an dem ein kurzes Weidmesser und
ein Beutel gefüllt mit Gilbenkraut hingen. Enganliegende Hosen steckten
in Hirschleder-Stiefeln, auf die Tenan besonders stolz war: es war sein
erster Hirsch gewesen, den er auf der Jagd erlegt hatte, und Amris,
sein bester Freund, hatte aus dem Leder die Schuhe gefertigt. Nur
wenige Dorfbewohner konnten sich so eine Kostbarkeit leisten.
Doch ihm war im Moment gar nicht nach guter Laune zumute.
Osyn, sein Meister, erwartete ihn zum Unterricht. Und das bedeutete
meistens endloses Auswendiglernen von Zaubersprüchen, Schreibübungen,
das Üben der richtigen Haltung des Comorus, des „Stabs der Kraft“ und
anderer Dinge, für die Tenan im Augenblick keinen Sinn hatte.
„Müssen wir wirklich heute wieder anfangen?“ fragte er, und seine
Stimme verriet seinen Unwillen. Unruhig nestelte er an seinem Gürtel
und blickte verstohlen zur Tür. Sein Blick schien sich suchend in
weiten Fernen zu verlieren. Alles an seiner Haltung verriet, dass er
lieber an einem anderen Ort gewesen wäre.
Osyn, sein Meister, ein kleiner, untersetzter Mann mit weißem Haarkranz, zog die Knollennase kraus.
"Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen," brummte er.
Tenan verdrehte gequält die Augen und stand mit hängenden Schultern unter den tiefen Deckenbalken.
„Na los, setz dich hin, damit wir anfangen können,“ fief Osyn und wedelte mit dem Zauberstab.
Der Junge schlurfte in eine Ecke des Raums und zwängte sich auf den
viel zu kleinen Stuhl am Kopfende eines schweren Eichentischs; die
Tischplatte war mit Kräutern, Pergamentrollen, einem rußgeschwärzten
Totenkopf und anderen seltsamen Gegenständen überhäuft. Müde stützte
Tenan den Kopf auf eine Hand und griff mit der anderen nach einer
kleinen, wohlriechenden Suri-Frucht, die in einer Tonschale lag.
Gelangweilt biß er hinein und kaute gemächlich, während seine
Silberaugen trübe leuchteten.
„Du wirst mir noch mal die Haare vom
Kopf fressen,“ murmelte Osyn mit einem Kopfschütteln, während er sich
mit der Hand über die Glatze strich.
„Also, beginnen wir hiermit...“ Sein Meister rollte verschiedene Pergamentrollen aus und rezitierte mit monotoner Stimme.
„Die neun Strahlen der rechten Erkenntnis der Magie liegen begründet im
rechten Tun und rechter Handlung, welche sich nur zeiget dem, der da
hat ein reines Herz...“
Während Osyns Lektionen an ihm
vorbeirauschten, schweifte Tenans Blick zu dem kleinen, von Spinnweben
verhangenen Nordfenster der Stube. Er suchte den Horizont des Meeres,
hinter dem die Sehnsucht der Ferne verborgen lag. Hier waren seine
Träume lebendig. Obwohl er schon lange bei Osyn in der Kunst der Comori
ausgebildet wurde, träumte er doch insgeheim von Heldentaten und
Abenteuern. Wieviel lieber wäre er jetzt in den Wäldern mit Amris auf
der Jagd! Erst gestern hatte er ein Reh durchs Dickicht verfolgt. Er
brauchte nur daran zu denken, und schon nahm er die wilde Erregung
wahr, das Zittern der Kraft, den Rausch der Verfolgungsjagd, der seinen
Körper erfasste. Er spürte fast den federnden Waldboden unter seinen
schnellen, ausdauernden Schritten, spürte die Zweige an seinen Kleidern
zerren, während er vorwärts stürmte, das fliehende Wild nur wenig
entfernt. Dann wieder kam ihm eine Bootsfahrt vom letzten Herbst
in den Sinn: er brauste mit seiner kleinen selbstgezimmerten Nußschale
vor der Küste hart am Wind, die Ruderpinne fest in der Hand, und
trotzte den Wellen, die sich schäumend an den schroffen Felsen der
Steilküste brachen. Er dachte daran, wie er auf Naris, seinem treuen,
doch heißblütigen weißen Hengst, tief im Sattel vornüber gebeugt über
das Hochland galoppierte. Der Wind zauste sein Haar, das Geräusch der
Hufe hämmerten nur ein Wort: „Freiheit! Freiheit!“ Während er in seinen
Träumen schwelgte, umspielte ein Lächeln sein Gesicht.
Osyn holte
ihn mit einem leichten, doch schmerzhaften Schlag des Zeigestocks
unsanft in die Wirklichkeit zurück. Schnell zog er die brennende Hand
zurück und sog missmutig die modrige Luft der Stube zwischen den Zähnen
ein. Wie konnte Osyn es wagen! Er war kein kleiner Junge mehr! Seine
Stirn legte sich in Falten, und düstere Wolken schienen über seiner
Stirn zu schweben, doch er schwieg.
„Du tätest gut daran,
besser zuzuhören, mein junger Schüler,“ grummelte Osyn und schob ihm
Federkiel, Tinte und Pergament zu.
„Ich sehe schon, du bist nicht bei der Sache. Dann wollen wir mit den Schreibübungen weitermachen.“
Sein Meister hatte ihm die Cestril-Schrift beigebracht, die zu erlernen
nur den Eingeweihten des Ordens von Dan vorbehalten war. Dass er sie
beherrschte, erfüllte den Jungen mit Stolz, so als sei er im Besitz
einer magischen Waffe. Und ebenso führte er heute den Federkiel. Er
tauchte ihn in das Tintenfass wie einen Dolch, zog ihn schwungvoll
hinaus, so dass sich überschüssige Tinte tropfend über Tisch und
Pergament ergoss. Er schrieb ihn kühn ausholenden Buchstaben, die nur
mühsam vom Rand des Pergaments begrenzt wurden. Er überließ es seiner
Wut, die Hand führen. Aufstrich, Abstrich, Bogen um Bogen, Buchstaben,
Wörter, Sätze erschienen schnell und fließend. Der Federkiel kratze
hastig über das Pergament, war das einzige Geräusch in der Stille. Dann
brach die Feder, und fluchend schleuderte der Junge sie zu Boden.
„Was soll das alles?“ rief er wütend.
„Dieses ewige Herumsitzen in der Stube bringt mir nichts mehr! Ich
möchte raus ins Leben! Ich hab schon alles gelernt, was ich brauche, um
in die Armee des Hochkönigs einzutreten. Und ich laß mich nicht mehr
behandeln wie ein kleines Kind.“
Osyn schüttelte belustigt den Kopf.
„Wenn ich dir zuhöre, hab ich wirklich nicht das Gefühl, ich müsste dich noch extra so behandeln,“ meinte er zweideutig.
Das war entschieden zuviel. Tenan sprang auf, dass sein Stuhl polternd
nach hinten kippte. Er packte seinen Mantel und polterte aus der Tür,
die hinter ihm zukrachte. Sein Schatten schien noch einige Augenblicke
im Raum zu schweben.
Osyn seufzte.
„Viel Zorn ist in dir, Tenan, mein Junge. Du hast noch viel zu lernen.“
Ächzend begann er aufzuräumen.
Die kalte Wut brannte in Tenan. Sie ließ ihn zittern und entfachte ein
inneres Feuer, das er nur mühsam kontrollieren konnte. Wie konnte Osyn
es wagen! Ständig gab er ihm das Gefühl, noch nicht erwachsen zu sein,
ein kleiner dummer Junge, der zu allem Ja sagen sollte!
Er wollte nur weg. Weg von dem Leben, das er seit siebzehn Wintern kannte.
Der Regen hatte aufgehört. Gierig sog er die frische Luft ein. Sie
stieg in seinen Kopf wie Wein, nur dass sie ihn klarer und wacher
machte. Er kämpfte mit dieser Klarheit, ja, er lag in ständigem Kampf
mit ihr, schon seit einigen Jahren. Er wollte die Klarheit nicht sehen,
und vor allem, er wollte keine Verantwortung übernehmen. Denn die
Klarheit verlangte etwas von ihm: eine Entscheidung. Und diese
Entscheidung würde alles übrige ins Rollen bringen.
Der Sturmwind
zerrte an seinem Umhang und zauste in seinen Haaren, als wolle er ihn
mit sich reißen. Er musste sich dagegen stemmen, obwohl er gerne den
Kampf aufgegeben hätte. Wer weiß, wohin er ihn tragen würde?
Er
durchquerte den wuchernden Gemüsegarten, vorbei an den bunten
Bienenstöcken, an denen bereits geschäftiges Treiben herrschte, und
schlug den schmalen Sandweg ein, der am nördlichen Hochufer der Insel
verlief. Er schritt rasch aus, in der abergläubischen Hoffnung,
wenigstens so den Lauf der Dinge beschleunigen zu können. Jeder Schritt
kam ihm mühsam vor, beliebig, und er hatte keine Ahnung, wohin er gehen
sollte. Sein Atem ging stoßweise, als er eine kleine Anhöhe erklomm. Er
brauchte Überblick! Als er sie erreicht hatte, drehte er sich um und
blickte zurück. Das Dorf Esgalin schmiegte sich eng an die Hügel, etwas
abseits stand Osyns windschiefe Hütte. Hier war seine Heimat, seit er
denken konnte. Hier war er bei seinem Meister Osyn, dem Comori,
aufgewachsen, und hatte die Grundzüge der Zauberei gelernt. Es war ein
ruhiges Leben gewesen. Zu ruhig, dachte er missmutig. Die Welt war so
groß und lockte mit tausenden von Abenteuern, und er saß auf dieser
langweiligen, unbedeutenden Insel fest! Er spürte den inneren Kampf
zwischen Bleiben und Gehen, Altem und Neuen, Neugierde und Angst vor
der Ungewissheit, Gehorsam und Bestimmung. Doch – welche Bestimmung
hatte er denn?
Sein Herz schmerzte, ob von der Anstrengung des Aufstiegs oder der Sehnsucht nach Freiheit, konnte er nicht sagen.
Während er so stand, konnte er Hundegebell hören; es näherte sich aus
dem nahegelegenen Rhun-Wald, dessen dunkle Silhouette sich
geheimnisvoll und bedrohlich im Dämmerlicht abhob. Plötzlich jagte ein
freudig kläffender Rüde auf ihn zu und sprang, heftig mit dem Schwanz
wedelnd, an ihm hoch. Er warf ihn fast um.
"Hey, Jock, mein Guter, wo kommst du denn her?“
Er streichelte den großen Hund und versuchte seiner weichen, nassen Schnauze auszuweichen.
Währenddessen war die übrige Meute herangekommen, geführt von einem
hochgewachsenen jungen Mann. Er kam über die feuchte Wiese heran, das
Gras wippte unter seinem federnden Schritt. Strohblonde Haare umrahmten
sein sommersprossiges Gesicht und ließen ihn jünger aussehen, als er
war. Ein schiefes Lächeln umspielte seinen Mund.
“Hallo, Kleiner!“ begrüßte er Tenan und breitete die Arme aus.
Sie umarmten sich freudig.
"Amris!“ rief Tenan und klopfte ihm auf die Schulter. „Bist du auf dem Weg nach Rhunwood zum Jagen?"
"Klar! Ich dachte, du gehst mit?" Der andere sah ihn erwartungsvoll an.
Tenan schüttelte betreten den Kopf und stammelte:
"Diesmal nicht. Ich ... Osyn... "
"Ah." Amris grinste verstehend. „Du hattest wieder Ärger mit dem alten Knaben?“
Tenan nickte betreten und schaute zu Boden.
Amris sah ihn prüfend an.
"Kleiner, ich glaube, das Leben als Comori ist nichts für dich," meinte
er. "Du solltest weg von hier, raus in die Welt. Hier auf Gondun
versauerst du nur."
"Wem sagst du das," seufzte Tenan und stieß einen Stein weg.
Seine Freude, Amris zu sehen, war so schnell verschwunden wie sie gekommen war.
Amris setzte seine Verschwörermiene auf und beugte sich vor, als wolle er, dass niemand ihn hören konnte.
"Hör zu, Kleiner, ich wollte es dir schon früher erzählen, aber man
sieht dich ja kaum mehr in letzter Zeit. Ich habe in Lagath vor zwei
Tagen ein paar Männer kennen gelernt, die auf Caithas Lebenin in der
Festung des Hochkönigs als Wachen Dienst tun. Dort gibt es eine
Akademie, in der Krieger ausgebildet werden. Schwertkampf, Reiten und
die Seefahrt gehören zur Grundausbildung. Das wäre was für dich! Wir
wären ein gutes Team, wenn wir zusammen dorthin gingen, was meinst du?"
Tenans Herz schlug schneller. Er hatte immer von einem solchen Leben geträumt!
"Und sie nehmen jeden, der sich bewirbt?" fragte er hoffnungsvoll.
"Klar, sogar mich," meinte Amris lachend. Dann wurde er wieder ernster.
Sein Blick schweifte umher, obwohl in der Einöde außer ihnen kein
Mensch zu sehen war. "Achest Todesfürst sammelt seine Kräfte, um
Algarad anzugreifen. Das weiß ich aus sicherer Quelle von den Männern
aus Lebenin. Das bedeutet, zur Verteidigung der Festung braucht der
Hochkönig jeden Mann. Komm schon, gib dir einen Ruck! Die brauchen dort
fähige Leute wie dich und mich. Willst du hier den Rest deines Lebens
rumsitzen? Ich möchte jedenfalls nicht tatenlos zusehen, wie die
Gredows das Land verwüsten und alles in Schutt und Asche legen."
"Und was sagen deine Eltern dazu?"
Amris grinste selbstsicher.
"Mein Vater war dagegen, aber mein Entschluss steht fest. Ich will
nicht auf dieser trostlosen Insel verkommen und Schafhirte oder sonst
was werden."
Sein Blick schweifte in die Ferne. Mit einer ausholenden Geste wies er in Richtung der Nordinseln.
"Junge, seit Jahren träumen wir beide von einem Leben als Krieger! Und
jetzt endlich ist die Möglichkeit da. Ein Schiff aus Lebenin! So eine
Möglichkeit bietet sich nicht mehr so schnell! Komm mit mir, was
zögerst du?“
"Osyn wird mich nicht gehen lassen," sagte er
schwermütig. "Außerdem kann ich ihn zur Zeit mit der vielen Arbeit
nicht allein lassen. Zu viel Regen, zu viel nasse Kleider, du weißt
schon..."
Amris verdrehte die Augen.
"Dann mach’s wie er, setz deinen Willen durch und stell ihn vor vollendete Tatsachen."
"Das kann er nicht," meinte Tenan. Die Wut, die er noch kurz zuvor
verspürt hatte, war in eine dunkle Höhle seines Bewusstseins
zurückgewichen.
"Er verstehe nicht, was dich an ihn bindet," rief
Amris. "Er ist nicht mal dein Vater, und du bist nicht sein
Leibeigener. Du kannst tun und lassen, was du willst – also, was soll
das?"
"Ich kann Osyn nicht einfach im Stich lassen. Er hat so viel
für mich getan. Er verdanke ihm alles. Er hat mich gefunden, als man
mich in einem Weidenkorb ausgesetzt hatte, und er hat mir ein Heim
gegeben und mich aufgezogen."
Amris seufzte und blickte aufs Meer.
"Trotzdem glaube ich, dass das Leben als Comori nichts für dich ist.
Weißt du noch, wie wir als kleine Jungen immer davon träumten, Krieger
zu werden und in den Dienst des Hochkönigs zu treten?"
Tenan musste lächeln. Es war noch nicht lange her.
"Ja," sagte er, "wir waren wie Drachen, und nichts konnte uns aufhalten."
"Und glaube mir, es ist in Lebenin so, wie wir in den alten Geschichten
gehört haben," bekräftigte Amris mit strahlenden Augen.
Tenan seufzte.
"Ich wünsche ihm nichts sehnlicher, als mit dir nach Lebenin zu gehen
und in den Dienst des Hochkönigs zu treten. Aber ich - habe mich
entschieden.“ Die Worte hörten sich seltsam an aus seinem Mund. Fast
kam es ihm so vor, als spräche sie ein anderer. „Ich werde zuerst meine
Ausbildung zum Comori abschließen. Sie dauert nur noch ein Jahr. Danach
werde ich weitersehen."
"Ich seh es dir an, du bist nicht glücklich mit dem, was du sagst. Aber ich achte deine Entscheidung."
Die Hunde wurden langsam unruhig, und Amris schulterte seinen Bogen.
"Heute ist der letzte Tag, an dem ich in Rhunwood jagen werde. Es wäre
schön gewesen, ihn mit dir zu verbringen, wenn du schon nicht mitgehst
nach Lebenin."
Sie standen schweigend einige Augenblicke beieinander. Tenan wusste nichts zu sagen.
Schließlich meinte Amris:
"Ich hoffe, du findest deinen Weg.“ Er legte Tenan freundschaftlich die Hand auf die Schulter.
"Dann schätze ich, daß wir uns so schnell nicht wiedersehen?" fragte der.
Amris´ Gesicht hellte sich auf und zeigte sein entwaffnendes Grinsen, das ihn so jugendlich aussehen ließ.
"Ich werde nach einem Schiff aus Gondun Ausschau halten. Und wenn du
nicht von selbst kommst, sehen wir uns, sobald ich auf Urlaub hier bin.
Aber paß auf, ich werde dich mit dem Schwert von hier weg treiben, und
sei sicher, dann kann ich damit umgehen!"
"Und ich werde einen Wasserzauber auf dich herabbeschwören, dass dir Hören und Sehen vergeht," lachte Tenan.
Sie umarmten sich herzlich zum Abschied.
"Denk immer daran: wir sind zwei Drachen, und nichts wird uns
aufhalten!" rief Amris über die Schulter, während er sich umwandte und
zum Abschied winkte.
Tenan sah ihm noch lange nach, bis er hinter den Hügeln verschwand. Noch lange war das aufgeregte Gekläff der Hunde zu hören.
"Wir werden uns wiedersehen," murmelte er entschlossen und hoffte,
Amris und die ganze Welt würden es hören. Vielleicht sagte er es auch
nur, um die aufkommende Wehmut in ihm zu bekämpfen und sich selbst
davon zu überzeugen. Dann wandte er sich um und lief langsam weiter.
Und es kam ihm vor, als ließe er das Leben der Abenteuer und der großen
Heldentaten endgültig hinter sich. Es schien ihm, als habe er sich
nicht nur von Amris, sondern auch von seinen Träumen verabschiedet. Er
sollte sich irren.
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